Komm doch zum Tee: Einführung

Seit 1945, also seit 75 Jahren leben wir in Deutschland ohne Krieg.

Durch alle Medien wissen wir, was in der Welt geschieht und sind zufrieden in unserer Sicherheit; sie ist für uns selbstverständlich geworden.

Rückblick in unsere Nachkriegszeit: Obwohl viele deutsche Städte zerstört waren, kamen Flüchtlingsströme aus den früheren deutschen Ostgebieten. Sie wurden nicht überall gern gesehen, warum? Wohnungsnot, Hunger gab es schon genug und das wenige Vorhandene dann noch zu teilen?

Aber auch das wurde bewältigt – Vieles nicht aus eigener Kraft.

Uns allen wurde geholfen. Dabei denke ich auch noch an CARE-Pakete, später an die Luftbrücke...

Viele Unruhen, die für uns weit weg sind, nehmen wir nur am Fernseher wahr, sind dann besorgt, teilweise ergriffen. Erst wenn die sichtbare Nähe von Not und Angst spürbar ist, durch Geflüchtete aus Krisengebieten, sind wir aufgeschreckt, teilweise sofort einsatzbereit zur Hilfe, aber auch sorgenvoll mit Zweifeln bis ablehnend und ängstlich. Jedes Gefühl hat seine Begründung. Es ist wichtig, dies herauszufinden, um ein Miteinander zu gestalten, für alle Seiten ist dies keine einfache Aufgabe.

Im Jahr 2015 war der Höhepunkt mit nahezu 100.000 angekommenen Geflüchteten erreicht. Auch wenn die Verteilung auf andere Bundesländer erfolgte, blieben ca. 70.000 Menschen mehr in Berlin. Die organisatorische Bewältigung, trotz räumlicher Enge in dieser Stadt, war eine neue Dimension von Hilfeleistungen.

Es gab viele spontane private Helfer, Kirchengemeinden, neu gegründete Gemeinschaften und bekannte soziale Einrichtungen.

So war auch die ufaFabrik mit dem NUSZ (Nachbarschafts- und Selbsthilfezentrum) unsere erste Anlaufstelle mit immer offenen Türen und Händen!

Und dann standen sie einfach vor der Tür:

Sonntag, 19. April 2015 zum deutsch-arabischen Tandem mit Detlef Junge Männer aus Syrien, arabisch sprechend, mit der Bitte um Deutsch-Unterricht, auch Anas, Abdulrahman und Moh.

An jedem 2. Sonntag wurden es mehr, mit anderen Fragen für mehr Organisation – irgendwie ging alles voran, wenn auch nicht perfekt.

Um sich besser zu verständigen, wurden Namen und Telefon-Nummern ausgetauscht. Dabei fielen die modernen Handys/Smartphones auf, die kaum einer von uns hatte. Argwohn bis Neid kamen mit einigen polizeilichen Meldungen (Pässe verloren, Fälschungen) auf, auch ich wunderte mich. ABER: Durch Gespräche, teilweise in Englisch, habe ich verstanden, dass dieses kleine Gerät eine wesentliche Brücke ist! Navi, Übersetzer, Telefon + WhatsApp machen die erste Verständigung möglich! Aussprechen geht meist nicht, aber zeigen... dann gibt’s ein Lächeln, verständnisvoll verbindend!

Genau über diese Handys (ich hatte bald auch eins!) wurden unsere Verbindungen hergestellt. Jede Möglichkeit von Hilfesuche, Terminabsprache mit BVG-Plänen, Fotos mit Amtsbriefen konnte erfüllt werden. Was wäre ich ohne Halim (Englischlehrer) und seine Freunde Nour und Youssef gewesen, die mit ihren 3 Sprachen zu jeder Zeit zur Hilfe bereit waren. Ich kann bis heute kein Arabisch!

Nach der ersten Bewältigung von materieller Not und Hilfe für Behördengänge, Möglichkeiten zum Deutsch-Lernen sowie Unterstützung von Alltags-Problemen (Arzt-Besuche usw.) ergaben sich persönliche Kontakte. Bald gab es Gespräche mit tieferem Hintergrund über Prüfungsangst, Familienprobleme, aber auch praktische Hilfen auf beiden Seiten. Langsam kam man sich freundschaftlich näher und plante gemeinsame Aktivitäten. Wichtig waren die Treffen im NUSZ in Gruppen oder einzeln zur Kommunikation mit Offenheit und Vertrauen, sogar Einladungen zu Besuchen gab es schon...

Durch die vielen, meist syrischen Ärzte und Zahnärzte, die sich dem FORUM Ärzte für Ärzte/ALKAWAKIBI e.V. angeschlossen haben, ergaben sich weitere Kontakte. Wir trafen uns im NUSZ zu Deutsch und halfen bei Fragen zu Verträgen, Familien-Zusammenführung oder hörten einfach Freud und Leid. Wenn der Weg wegen Zeitmangel zu weit war, wählten wir unterschiedliche Bibliotheken als ruhigen Treffpunkt.

Unsere gemeinsamen Wege, zunächst teilweise in Englisch, waren Stadtbesichtigungen und Museen. Wir erweiterten das Programm mit Ausflügen nach Potsdam, Werder und in viele Parks und Tagesreisen nach Brandenburg, Dresden und Stralsund, eine Hansestadt wie HH, HB, HRO...

Die Agentur KulturLeben Berlin suchte Ehrenamtliche, die sich für Geflüchtete engagieren. Hurra, das fehlte uns jetzt – und damit sind wir wirklich reich beschenkt worden. Die Angebote gehen an mich, über WhatsApp frage ich nach Interessenten und die dann bestellten Karten warten an den entsprechenden Orten auf uns. Mit etwas Spannung gehen wir hinein und mit Sternchen in den Augen wieder raus in die Nacht...

Diese fünf Jahre mit vielen Aufgaben, die sich entwickelten im Umgang mit den unterschiedlichen Menschen, waren für jeden von uns etwas Besonderes! Natürlich sprechen wir schon lange deutsch miteinander. Inzwischen haben wir viel erlebt und möchten es anderen mitteilen: Schweres und Schönes, von Angst bis Mut zum Miteinander. Offenheit und Toleranz ergeben diese Erfahrungen, die positiv auf andere Deutsche und Behörden wirken können, vielleicht auch zur Stärkung anderer Geflüchteter.

Mit unserer Vernetzung werden Sie beim Lesen viele Namen in anderen Berichten wiederfinden, die sich nun fast alle kennen.

„Unsere Geschichten“ wurden selbst geschrieben, einige mit meiner schriftlichen Unterstützung.

Alexandra Horn

© 2021 Nachbarschafts- und Selbsthilfezentrum in der UFA-Fabrik e.V. - Impressum - Kontakt - Datenschutz