Komm doch zum Tee: ...und nun ich auch noch!

„Es gibt erfülltes Leben trotz unerfüllter Wünsche.“ (Dietrich Bonhoeffer)

Alexandra Horn geb. 2/1939 staatenlos in Berlin, ungarischer Hintergrund, Schule 1945 – 1957, es gab keine Lehrstelle, aber Handelsschule.

Beruf: Kaufm. Angestellte/Sachbearbeiterin: Verträge für Forschung.

Wurde tolerant erzogen, habe zwei Kinder, davon ein Adoptivkind/Korea, habe viel in der Welt gesehen, soziale Lebenseinstellung.

Ja, ich bin reich an Jahren, aber ich habe es nicht so bemerkt… Meine Lebensfreude, Ideenreichtum, Organisationstalent und Humor haben mich über schlechte Zeiten gerettet. Soziales Denken und Handeln begleiten mich, das hilft mir, mein kleines kritisches Ich zu balancieren.

Nach meiner Verrentung war ich vier Jahre an einer Neuköllner Grundschule als Lesepatin mit einem Anteil von gut 80% Migranten. Als im April 2015 viele Menschen aus Krisengebieten nach Berlin kamen, habe ich durch meine vielen Erlebnisse und Auslandsreisen in Armutsländer vielleicht nicht so viele Probleme gehabt, mich mit ihnen zu beschäftigen. Die Hilfe war so vorrangig, dass ich mit meinen Eigenschaften das meiste ohne Schwierigkeiten bewältigt habe. Mein Alter spürte ich wohl schon, aber die Achtung, die mir entgegenkam, stärkte mich. Es entwickelten sich so wunderbare Momente durch vorangegangene Leistungen, die alle nicht planbar waren. In kurzer Zeit lernte ich Menschen kennen, denen wir halfen, aber auch umgekehrt – ich denke an den eiskalten Winter, in dem wir eine große Wohnung räumten. Vier Kurden haben stundenlang geholfen, wollten sich damit auch erkenntlich zeigen. Auch Sami ist immer zur Stelle, wenn ich Hilfe brauche, ob Kellerräumung oder zum Flohmarkt. Er will verstärkt lernen und beginnt, seine Geschichte allein zu lesen, was für ein bewegender Moment!

Sara, die tüchtige junge Frau mit gutem Abitur und dem Willen, Ärztin zu werden. Für Fragen jeder Art gibt’s zum Glück das Telefon. Ihr Vater war mit Halim, beide Englisch-Lehrer, in einer Flüchtlings-Organisation beschäftigt. Jetzt ist er mit Jalal im Institut für Nachhilfe beschäftigt.

Halim ist der ruhige, verständnisvolle Vater, der früher meinen „Tresor“ bewacht hat, wenn wir zum Dolmetschen gefahren sind.

Wenn wir als Gruppe durch die Parks gegangen sind, kam der Spruch: Na, heute hast du aber viele Bodyguards!!! Wer hat da nicht gelacht...

Um Ärzte in Deutschland zu integrieren, sind Sprache und medizinische Fachsprache mit allen Prüfungen zu absolvieren. Die Unterstützung deutsch und arabisch sprechender Ärzte ist notwendig, um die schwierige Situation, beruflich und privat zu meistern. Dafür setzen sich hiesige Ärzte in Zusammenarbeit mit dem Alkawakibi e.V. ehrenamtlich als Mentoren ein. Auch die Staatsministerin Frau Widmann-Mauz hat den Verein vor Ort besucht und ihre Anerkennung ausdrücklich bestätigt. Ich beschäftige mich mit Medizin nur dann, wenn ich sie nehmen muss. Mein Angebot an den Verein war 2015 für allgemeines Deutsch und Kultur. Wir haben gemeinsam viele Gelegenheiten genutzt, um beides zu verbinden.

Eine spontane Hilfsaktion hat Anas, der junge Arzt aus Aleppo erfahren. Er konnte drei Wochen in der Wohnung meiner Mutter bleiben, die im Krankenhaus lag. Als er alle Prüfungen bis zur Approbation schaffte, hat er Berlin verlassen, um in Aachen zu arbeiten. Wir blieben immer im Kontakt. Als er in Beirut heiratete, bekam ich gleich die schönen Fotos. Als Sana endlich auch nach Aachen kam, zeigte er mir sein Glück per Foto – ach, wie gut diese Smartphones sind! Der Umzug nach Koblenz durch Stellenwechsel war Anlass zur erneuten Einladung, da ich doch ein Teil seiner Familie sei. Jetzt, im Juni 2020, Corona lockerte sich, bin ich zu ihnen gefahren und habe bei ihnen gewohnt. Herzliche Begrüßung nach so langer Zeit!!! Und am Abend kam das Bett mit den Worten: „Kennst du das noch?“ Ich lächelte still… „ja, das ist noch von deiner Mutter!“ Vor Rührung brachte ich kein Wort raus. Als ich am Morgen vor der Abfahrt den Bezug vom Bett nahm, war er so alt, so mürbe, dass er kaputt gerissen ist…nun hat er solange gehalten, bis ich ihn nochmal gesehen habe. Gern denke auch an unseren ersten Spaziergang mit den jungen Ärzten durch Potsdam. Beim Kaffee, leicht erschöpft, denn sie waren das langsame Laufen nicht gewöhnt, strahlten alle wegen der vielseitigen Schönheit, den restaurierten kleinen Häusern und der Atmosphäre dort. Erst viel später, als Abdulrahman mit bestandenem HNO-Facharzt mit Anstellung dort wohnte, sagte er mir augenzwinkernd: „Weißt du, ich habe mich bei unserem ersten Besuch in diese Stadt verliebt und möchte dann mit meiner Frau hier leben. Das ist ihnen, nun mit Söhnchen, gut gelungen. Inzwischen hat auch seine Frau die Approbation geschafft.

Wenn Demos in unserer Stadt sind, vermeide ich diese Gegend, wobei ich sie nicht grundlegend ablehne. Die Bekanntschaft mit Geflüchteten und deren Aufenthalten zeigte mir unbekannte Rechtslagen und ich wurde aufmerksamer, was ihren Status betraf. Sie wollten ihre Familien nachholen, was mit neuen Regeln nicht möglich war. Um ihre Hilflosigkeit und Aussichtslosigkeit zu zeigen, versammelten sie sich – angemeldet – sehr still vor dem Regierungsgebäude. Um mein Mitgefühl zu zeigen und ihr Vertrauen zu würdigen, war ich also auf meiner ersten Demo und das mit 79 Jahren! Egal, alles ging gut aus, Nour und Halim hatten Erfolg. In kurzen Abständen kamen ihre Familien nach Berlin. Welche Momente uns bereits verbunden haben, konnten sie selbst schreiben. Hier nur kurz: Als Nour Vater wurde, waren wir dabei – Weihnachtsmarkt am Schloss Charlottenburg! Halim war lange sorgenvoll, weil sein Sohn nicht mehr am Telefon mit ihm reden wollte: „Du hast dein Versprechen nicht gehalten, du holst uns nicht! Du liebst uns nicht!“ Das war für Halim unerträglich, denn er hat wirklich alle Vorbereitungen mit Papieren und Arbeit geleistet, um seine Familie bei sich zu haben. Ich habe hautnah erlebt, wie Männer solche Zustände ertragen müssen...

Sehr stolz war ich nach der umständlichen und besonders schwierigen Hilfe für Malek, Manal und Karam, der Familie von Anas. Das war wohl mein Glanzstück an Organisation – eine Herausforderung! Aber auch hier hatte ich Glück bei den helfenden Stellen (zwei Jobcenter, Schule, Wohnungsunternehmen, Bürgermeisterin). Meine guten Freunde in Hameln gaben mit ihrer großzügigen Haltung alles, was in diesem Fall nötig war: Übernachtung und zu Ämtern fahren für mich und Malek, Schulbesuch zur Vorstellung, dass diese Familie gut ist, Möbeltransporte mit Hänger, Einladungen, Fahrrad und immer wieder mich als Besuch, oft mit Übernachtung. Jochen und Christine, danke ihr zuverlässigen Freunde!

Mahmoud ist aus Palästina, kein anerkannter Geflüchteter in unserem Sinne, obwohl auch er vor den Unruhen und Bombardierungen geflohen ist. Er hat in der Ukraine Medizin studiert wie viele Syrer auch und bereits in Nablus als Arzt gearbeitet. Um Facharzt zu werden, musste er, wie überall in der Welt, für die Prüfung lernen. Das ist schwierig, wenn man mit ständigen Störungen der Bomben usw. leben und lernen soll. Daher kommen Ärzte auch aus diesen Gebieten zu uns. Sie haben hier einen Status, der sie nicht für irgendwelche Unterstützungen berechtigt. Die Auflage, auch keine Arbeit im Angestelltenverhältnis aufzunehmen, muss unbedingt eingehalten werden. Wenn sie aus eigenen Mitteln, Kurse und Prüfungen bezahlen, haben sie bei Mangelberufen, die Möglichkeit zur Arbeit, z.B. bei Ärzten. Jalal hat leider keine Chance und nahm die Selbständigkeit mit Risiken auf sich.

Ob Mangel an Schuhen oder Vaters Tod, schlechte Arbeitsbedingungen, auch durch zu wenig Ärzte in den ländlichen Gebieten, lassen das Lernen für die notwendige deutsche Approbation zum Hindernis werden. Sie brauchen den Verdienst, um die Prüfungen bezahlen zu können…

Inzwischen haben zwei der palästinensischen Ärzte Arbeit. Sie spüren meine Anteilnahme bei Treffen und Fragen und Mahmouds lächelnde Ansage war dann: „Du hast jetzt aber viele Söhne!“ Ja, das rührt mich schon sehr...

Das Weihnachtsfest 2015 stand vor der Tür, in jeder Familie gibt’s viele Vorbereitungen, auch Jahresend-Treffen mit Kollegen und Freunden – so auch bei mir. Jedes Jahr in der Adventszeit treffen wir uns in meiner geschmückten kleinen Wohnung. Dieses Jahr wollte ich es anders gestalten: Meine alten Freundinnen und ein paar Syrer sollen einen gemeinsamen Adventsabend genießen. Umdenken - Stühle von meinem hilfsbereiten türkischen Nachbarn, Gebäck, Suppe, Tee, Kaffee, Nüsse warteten auf 17 frohe, neugierige Menschen. Abdulrahman hat so gut gekocht, nicht alle konnten sitzen, aber alle waren glücklich, besonders einer, dessen Familie konnte drei Tage vorher einreisen! Die Stimmung war so herzlich, obwohl alles auf kleinstem Raum nicht perfekt war. Es bestätigt sich wieder: Nicht die Menge oder Dauer ist wichtig, sondern die Intensität des Erlebens! Als ich am späten Abend allein war, kullerten ein paar Glückstränen… Diese „Winterfeste“ wurden zu einem Ritual. Die Gäste waren unterschiedlich, einige waren immer dabei, mache arbeiten jetzt woanders, die meisten Kontakte blieben herzlich bestehen.

Durch den Anruf einer Kirchengemeinde - woher hatten sie meine Nummer? – hörte ich von der Dringlichkeit zur Hilfe bei einer Familie aus dem Irak. Sie lebten seit 2 Jahren in einer Unterkunft und haben gerade eine Wohnung in unserer Nähe bekommen. Ich sollte mal schauen, was gebraucht wird. Wieder half uns Halim mit seinen Sprachkenntnissen. Wir fuhren hin, waren etwas erschrocken, denn es gab NICHTS, was man zum notwendigen Leben braucht. Die Familie schlief auf ihren mitgebrachten Kleidungsstücken, ohne Licht, eben ohne alles. Vater, Mutter, drei kleine Mädchen, das älteste mit Behinderung, freuten sich bei unserer Ankunft. Ich war einigermaßen erschlagen, brauchte nicht aufzuschreiben, was fehlt! In den Monaten vorher hatte ich Spenden gesammelt, die in Garage und Keller auf ihren Einsatz warteten. Aber Licht, Kinderbetten und, und fehlten mir. Seit Kurzem war ich Mitglied in der Ärzte-Gruppe und versuchte mit Mail die schnelle Lösung zu finden – HURRA! Es gab Hilfe, allerdings nur 2 Bettchen. Mein Auto ist dafür etwas zu klein, aber Stucki vom NUSZ hatte ein passendes Auto und sogar Zeit. Wir holten von einer Familie am Abend die Betten und mehr ab. Die schenkenden Kinder freuten sich über die kleinen Tütchen mit Keksen, die ich bereits gebacken hatte und baten um Fotos von den armen Kindern, die ihre Sachen bekommen. Na klar, das machen wir! Stucki und ich fuhren durch den dunklen Abend zur irakischen Familie, wo Halim bereits auf uns wartete.

Wir bekamen Hilfe beim Ausladen, Stucki hatte vorausschauend Glühlampen an Kabeln mitgebracht und installierte sie unbemerkt, denn wir tranken Tee...

Am nächsten Morgen fuhren Halim und ich wieder hin, um zu sehen, wo ein drittes Bett stehen könnte. Die drei Mädchen kamen laut lachend auf uns zu, zogen uns ins Zimmer und zeigten ihr kleines „Schlafzimmer“: Aus zwei Betten haben sie mit der Bettumrandung und drei Matratzen (wir hatten eine extra) eine Schlaf-Landschaft für alle drei geschaffen. Sie sind rumgesprungen, haben sich reinplumpsen lassen, kreischten vor Freude…

Fröhliche Weihnachten! Sie sind Christen, hörten wir später. Das war auch für mich ein Weihnachtsgeschenk, denn unsere Gemeinschaft hat dies möglich gemacht.

Zusätzlich ergab sich die Chance als Kulturbegleitung für Geflüchtete bei KulturLeben zu sein – was für eine Bereicherung für uns! Für diese Zeit der Veranstaltungen sind wir alle ohne Sorgen, genießen entspannt in berühmten Häusern und lassen uns zu Hoffnungen und neuen Kräften entführen… auf dem Heimweg finde ich auf meinem wunderbaren Handy viele Grüße, Kleeblätter, Rosen und DANKE DIR FÜR DIESEN ABEND... Glücksmomente mit Rührung auch bei mir – bin dankbar, dass ich es schaffe!

Ja, es stimmt, ich bekomme viel Anerkennung – die wertvollste Bezahlung mt Lächeln, Achtung und Vertrauen. Ich gönne dies allen Menschen, die Mut haben, diese Wege zu gehen, Aufgaben nicht zu scheuen, die auch realistisch Zeichen setzen mit Fragen und Erklärungen. Ich gebe zu, das kann nicht jeder, aber hinsehen, zuhören, freundlich Fragen beantworten, so fängt es an. Ich gebe auch zu, es gibt schwere Momente, Zweifel, missglückte Versuche und auch Niederlagen. Die meisten Menschen in unseren Bereichen konnten wir stabilisieren, damit sie eigenständig ihr Leben in die Hand nehmen. So hat jeder auf seine Weise das bekommen, was den Wert zeigt: Gemeinsames Leben in Frieden und Toleranz und unser Grundgesetz ist von besonderem Wert: es stärkt und schützt uns alle!

Meine Tage sind ausgefüllt, aber mein Leben ist erfüllt von Zufriedenheit!

Aktuelles

Jetzt in der Corona-Zeit riefen mich viele der Neubürger an, um mir zu helfen, von Pankow über Spandau bis Potsdam... still beglückt, überrascht, gerührt, dieses Gefühl begleitet mich noch. Ich finde diese Hilfen sind die besten Zeichen für uns alle!

Alexandra

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