Komm doch zum Tee: Nanny und Stefan

Warum diese beiden warmherzigen Menschen nicht selbst ihre Erlebnisse schreiben, versteht jeder erst am Ende dieser Aufzeichnungen.

Als private Helfer für Geflüchtete aus Syrien lernte ich Nanny und Stefan und ihre Freunde 2015 über das NUSZ/ufaFabrik kennen. Ihr Engagement war bemerkenswert, besonders weil sehr verschiedene Probleme mit unterschiedlichen Menschen bewältigt werden mussten. Da beide berufstätig waren, konnte meist nur an den Wochenenden ihre Hilfe erfolgen, die so intensiv und konstruktiv war, dass jeder nur ins Staunen kam. Dabei strahlten sie soviel Freude aus, sie überdeckte bei jedem alle Sorgen, Zweifel und deshalb vertrauten ihnen diese bedürftigen Menschen.

Dazu gehörten Wohnungssuche, Wohnungsräumungen und Umzüge, Begleitung der Bewohner von Unterkünften zu Behörden, Ärzte zu suchen, Bekleidung zu besorgen…

Eine besondere Freude war ein großes Fest in ihrer Kirche mit gelungenem Essen und Trinken auf geschmückten Tischen – eine frohe Gemeinschaft fand sich dort ein. Auch wir waren eingeladen, eine Gruppe Syrer/Kurden vom NUSZ und wir lernten dabei viele andere kennen.

Im Britzer Garten gab es Begegnungen beider Gruppen aller Generationen mit Sport und Spiel und mitgebrachten Speisen und Getränken. Die gemeinsamen Gespräche führten zu gemeinsamen Hilfen, jeder übernahm mal die Nöte der anderen, eine wertvolle Kombination.

In einer schlecht geführten Unterkunft, schmutzig, Duschen waren kaum funktionsfähig, gab es einen stillen, älteren Syrer namens Sameer. Ich wurde gebeten, ihn zum Lageso zu begleiten. Das Lageso war damals durch den Ansturm der Geflüchteten nicht in der Lage, Papiere, Aufenthalte (Wartezeit) zu bewältigen. Bei jedem Wetter standen die Geflüchteten draußen und es war November 2015, kalt, nass, aufgeweichter Boden und es wurde seit 3 Uhr morgens gewartet bis um 7 Uhr Einlass war; Berlins schlechteste Adresse, im abendlichen Fernsehen wurde es in ganz Deutschland gezeigt! Eine beispielhafte Initiative aus Moabit half mit heißen Getränken, Snacks, Hygieneartikeln… später gab es Zelte!!

Sameer war krank, geschwächt, wir standen beide um 7.30 Uhr vor dem Kontrolleur, der ihn in eine Wartereihe einwies, ich sollte draußen warten. Ich wusste nicht, ob er die Zeit durchsteht und bat für ihn um einen Sitzplatz, mit der Erklärung, er sei krank (man sah es). Das wurde strikt abgelehnt! Sehr ruhig, aber eindringlich fragte ich, ob er dies auch bei seinem Vater tun würde… dann durften wir beide sitzen! Im weiteren Verlauf waren wir bei einer verständnisvollen Sachbearbeiterin, mit der wir besprachen, ob mit Vollmacht die nächsten Wege möglich wären. Das ersparte ihm dann ein paar anstrengende Termine.

Jeder von uns nahm sich jetzt wenig Zeit für sich. Auch in der Familie von Nanny und Stefan waren Arbeit und Hilfe sehr oft und sehr viel der normale Tagesablauf. Dann wurde bei Nannys Arztbesuch etwas festgestellt, was uns bei genauer Untersuchung die Luft nahm: Krebs! Sie wollte keine OP, versuchte eine alternative Lösung… was kann man ihr raten, wie helfen, wird ihre Methode Hilfe und Stärkung bringen? Stefan und Tochter waren sorgenvoll…

Sameers Krankheit schritt leider schnell voran. Nanny wusste, dass er in Damaskus ein bekannter Gitarrist, besonders für Flamenco, war und so besorgte sie ihm eine gebrauchte Gitarre. In meinem Fundus hatte ich einen alten CD-Player und eine CD mit Musik aus Andalusien. Nun konnte er in seinem kleinen Zimmerchen, inzwischen umgezogen und mit einem Syrer, seine Zeit mit etwas Freude verbringen…

Bevor ich für eine Woche in Madrid war, konnte ich bei einer befreundeten Band, die einen Andalusien-Abend gleich nach einer Rückkehr veranstalteten, beste Plätze bestellen. Sameer wusste davon und lebte nun eine Woche mit dieser Vorfreude. Eine Freundin holte mich vom Flughafen ab, wir fuhren direkt zu ihm und gleich zum Konzert. Obwohl ich alle Musikstücke kannte, freute ich mich immer wieder, diesmal sogar mit zwei Flamenco-Tänzerinnen, aber diesmal besonders für Sameer. Er spürte in allen Fingern die Gitarre, den Takt, den Schwung, die Sanftheit. Ich sah es ihm an, sein Lächeln, den etwas gespannten Körper, seine innere Freude…

Als kurze Zeit später wieder eine Krankenhaus-Einweisung vorlag, wussten wir alle, was folgen würde. Nanny, die sich in den vergangenen Monaten rührend um ihn kümmerte, obwohl auch ihre Krankheit schon erkennbar war, alles regelte, ihn in ihre Familie mitnahm, Ärzte mit ihm aufsuchte, war auch jetzt an seiner Seite. Im Krankenhaus trafen wir uns alle. Wir wussten, dass seine Frau in der Deutschen Botschaft ein Visum beantragt hatte und auf Eile drängte. Seine Tochter, die Asyl in Österreich gefunden hatte, war auf dem Weg nach Berlin.

Sameer hatte noch ein Telefonat mit seiner Frau in Damaskus: Sie hatte gerade das Visum und konnte sofort fliegen und „ich komme heute noch zu dir“… Es war so traurig zu erleben, wie ein lebensfroher Mensch mit Zielen, unerfüllten Hoffnungen, ohne seine Familie, im fremden Land aus dem Leben geht…

Mein Gedanke an Hilfe waren die Ärzte (Leitung des ALKAWAKIBI e.V.). Wir wussten nichts von muslimischen Gebeten, Ritualen und Bestattungen. Es war Sonntag, beide Ärzte hatten Seminare, kamen trotzdem sofort zu Sameer, um mit ihm in ihrer gemeinsamen Sprache die richtigen Worte zu finden. Wir warteten vor der Tür… Die Ärzte gingen später in die Moschee und sammelten für die Beerdigung, suchten den Bestatter und nahmen uns damit diese Sorge, vielleicht auch falsche Entscheidungen, ab. Noch nie habe ich soviel Zusammenhalt zwischen den Religionen erlebt wie hier – einfach menschlich!

Sameer ist am späten Nachmittag für immer gegangen.

Seine Frau kam um 22.00 Uhr in Schönefeld an…

Es war eine Beerdigung nach dem Koran mit vielen Menschen, die ihn kannten, schätzten und ihn nun vermissen.

Nanny, diese gütige, strahlende, junge Frau ist drei Monate später verstorben – unfassbar für uns alle! Die Kirche und ihr Glaube hat sie und die Familie so gestärkt, dass ich den Eindruck hatte, der Verlust war mehr bei uns sichtbar. Viele werden darüber nachgedacht haben. Beerdigungen habe ich schon einige erlebt, aber noch nie derart eindrucksvoll.

Die Kirche war voll bis zum letzten Platz, Freunde, Bekannte, Nachbarn und Mitglieder der Gemeinde, auch viele Geflüchtete – die Menschen, denen Nanny und Stefan alle Fürsorge gaben, denen der Abschied im Gesicht stand. Die Beisetzung war in Britz, alle trafen sich später dort. Um den letzten Weg mit Nanny zu gehen und am Grab Abschied zu nehmen, vergingen Stunden… Ich habe noch nie so viele Menschen in Geduld und Stille beim Abschied gesehen. Dies zeigt nicht nur Hochachtung für Nanny, sondern die echte Treue und Dankbarkeit auch von Seiten der Geflüchteten, die ebenso Stefan und der Tochter und deren helfenden Freunden galt.

Nun ist es verständlich, warum Nanny und Stefan diese Ereignisse nicht selbst schreiben konnten…

Wenn ich hier diese Zeit im Schreiben zurückhole, spüre ich noch alle diese Momente, die uns verbunden haben. Gleich stark sind aber die Erfahrungen, Dankbarkeit und gewonnenes Vertrauen mit Geflüchteten – auf beiden Seiten!

Alexandra

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