Komm doch zum Tee: Durchhalten lohnt sich!

Als junger Assistenzarzt kam ich im April 2015 aus Aleppo nach Berlin. Viele Ärzte aus dem großen, inzwischen zerstörten Krankenhaus waren hier, geflohen vor dem Krieg, gerade noch rechtzeitig ohne körperliche Schäden. So genau wussten wir alle nicht was uns erwartet, aber es waren uns die guten Voraussetzungen wie Siemens-Medizintechnik, Forschung, deutsche Gründlichkeit und Toleranz bekannt.

Über ein 3-monatiges Sprachvisum habe ich damals die Einreise mit Flug geschafft. Die Unterlagen habe ich nach München geschickt, bin aber nach Berlin geflogen – etwas chaotisch! Mein Asylantrag wurde später angenommen, bewilligt und alle Prüfungen, die zur Approbation nötig waren, habe ich nach 1 ½ Jahren bewältigt! Allerdings hatte ich meine ersten Deutsch-Kenntnisse bereits im Institut für Fremdsprachen der Universität Aleppo erworben.

Die ersten Kontakte mit Deutschen in Berlin hatte ich Ende April 2015 bei einem Deutsch-Arabischen Tandem-Treffen. Dort trafen sich einige syrische Ärzte mit Detlef und deutschen Helfern. Detlef, der eine Weile in Damaskus lebte, Arabisch sprach, baute die Brücke zwischen uns; es wurde auch Englisch gesprochen, was alle Ärzte können. Beim nächsten Treffen gab es in einer nahen Flüchtlingsunterkunft ein großes Fest. Alexandra vom Tandem lud uns, Mohamad und mich dazu ein, ein geselliger, informativer Nachmittag. Da mein erster Zimmer-Mietvertrag mit einem Freund von mir beendet war, musste ich schnell ein neues Zimmer finden. Darum fragte ich sie beim Abschied: „Hast du ein Bett (Zimmer) für mich?“ Sie staunte – natürlich hatte sie nicht! Gut, dass wir die Telefonnummern ausgetauscht hatten, sie meldete sich 10 Minuten später, wir sollten in der U-Bahn-Station bleiben... sie kam mit der Idee, ich könnte in der Wohnung ihrer Mutter bleiben, die für ca. 3 Wochen im Krankenhaus wäre. Ich schlief nämlich bei einem Freund, der nur kurz weg war, danach??? Schnell packte ich meine Sachen und zog in die Wohnung von Alexandras Mutter - ein Lichtblick!!!

Die Wohnung lag ruhig, alles zum Erholen war da... nur die eingehende Post sollte ich per Handy-Foto zeigen. In diesen 3 Wochen suchten wir eine geeignete Wohnung für mich und fanden sie, sehr zentral gelegen, bezahlbar – wieder Glück! Alexandras Mutter konnte krankheitsbedingt nicht mehr in die Wohnung, alles musste geräumt werden und so konnte ich einige wichtige Dinge für meinen kleinen Haushalt bekommen. Vier Syrer halfen bei der Räumung, viele mit Hausrat gefüllte Kartons, auch ein Bett usw. wurden in Garage und Keller von Alexandra deponiert, um bei weiterem Bedarf anderen Geflüchteten zu helfen.

Nur gelegentlich habe ich die Einladungen zu Musikveranstaltungen und Ausflügen angenommen; ich war zu sehr mit dem Lernen beschäftigt. Allerdings ist mir der Besuch in Potsdam noch mit Freude in Erinnerung.

Da ich in Aleppo bereits meinen Facharzt in HNO begonnen habe (2 Jahre), wollte ich dies hier weiterführen. Eine Hospitation bei Alexandras HNO-Arzt war eine gute Zeit für mich, mit der Empfehlung nach Buch, einem großen Krankenhaus-Komplex in Berlin mit Krebsforschung. Auch diese Chance war ein Erfolg!

Nach allen Prüfungen habe ich mich an einigen Krankenhäusern beworben und zum Mai 2017 den Arbeitsvertrag an der Uni-Klinik Aachen bekommen. Der Abschied von Berlin, den syrischen Freunden und einigen Deutschen war eilig, ich merkte erst später, wie allein ich war...

Mit Alexandra habe ich bis heute herzlichen Kontakt. Ich bat sie später um dringende Hilfe für meine Schwester Manal und ihre Familie...geflohen über die Türkei, Griechenland (Idomeni), Nord-Deutschland...

Die Uni-Arbeit war und ist derart viel – jetzt weiß ich, warum wir Ärzte gebraucht werden! Es gibt kaum Freizeit – und da muss ich mal schlafen! Ich will und muss den Facharzt erwerben, also ist „DURCHHALTEN“ das wichtigste Wort jetzt.

Eine weitere wichtige Zeit hat mich neben der Arbeit belastet: Syrien.

Meine Eltern waren ausgebombt, krank durch Wasser- und Strommangel.

Dabei habe ich aber auch das Glück in der Ferne gesehen: Ich war in Gedanken bei SANA, meiner Verlobten. Wir kennen uns seit unserer Arbeit in Aleppo und wollten uns nicht verlieren.

Also stellte ich den Antrag auf Familien-Zusammenführung. Zwischendurch war ich kurz in Beirut: Wir heirateten, die Familien sind angereist – ich sah alle endlich wieder...

Dieser Abschied tat auch körperlich weh – es wird länger dauern, bis Sana nach Aachen kommen kann...

Eine Blaue Karte wurde beantragt – es dauerte, jeder wird immer nervöser... Alle damit verbundenen Kosten habe ich zu tragen, denn sie wird kein Flüchtling sein, sondern als meine Ehefrau komme ich für ihren Unterhalt mit Deutsch-Kursen, Prüfungen usw. auf.

ENDLICH: Am 31.8.2018 habe ich in Frankfurt/Main im Flughafen mit Herzklopfen gewartet (grausames tägliches Wort – hier mit bestem Ergebnis!). Sana hat ihre Familie verlassen und kommt zu mir!

Sie kennt Deutschland nur vom Erzählen und vom TV. Sana lernte Deutsch in Syrien bis B2-Niveau durch ihren Deutschlehrer und mich, auch von ihrem Bruder und ihrer Schwester, die schon als Ärzte in Deutschland arbeiten. Ich muss und will ihr Vertrauen stärken, denn sie wird viel allein sein, sehr langsam Verständnis für meine viele Arbeit zeigen lernen...

Aber wie herrlich – wir haben uns glücklich im Arm und sind gleich eine Woche nach Italien gefahren und haben allen schöne Fotos von unserem Glück gesendet!!!

Aktuelles:

Inzwischen sind Anas und Sana nach Koblenz umgezogen.

Für Anas ist die neue Arbeit mit mehr Möglichkeiten zum Operieren wichtig.

Sana hat für ihre Weiterbildung (sie war in Aleppo Assistenzärztin) gute Aussichten zu weiteren Kursen (Köln) und konnte bereits zur Hospitation und zum Praktikum im Krankenhaus dort mitwirken. Sie warteten dringend auf den Termin der Approbation.

Anas

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