Komm doch zum Tee: Ich heiße Pablo Behrend-Miró

Kurz, Pablo für meine Freunde. Pablo Miró ist mein Künstlername. Ich bin ein deutsch-argentinischer Songwriter, Gitarrist und Sänger. Ich glaube an die Macht der Musik, der Lieder, ich glaube an meine Zuhörer, an die Fähigkeit von uns Menschen, sich für eine bessere und faire Welt zu engagieren. Ich glaube, auch wenn dies so schnulzig klingen mag, an die Liebe, an die Nächstenliebe, an unsere Solidarität. Dieser Glaube ist der rote Faden der sich durch mein Leben und meine Musik zieht. Doch oft habe ich das Gefühl, dass es nicht reicht, meine Botschaft über meine Konzerte und mein Repertoire zu verbreiten. Dies reicht mir nicht. Es muss auch konkret werden, das brauche ich, auch wenn es anstrengend werden kann oder sogar gefährlich.

1976 musste ich mit meinen Geschwistern und Eltern Argentinien abrupt verlassen. Wir waren für die Militärdiktatur unerwünscht geworden und unser Haus wurde in Córdoba im Juni 1976 stundenlang angeschossen. 24 Stunden später saßen wir im Flugzeug Richtung Deutschland.Wir haben damals große Solidarität in Deutschland erlebt. Nun tue ich sehr, sehr gerne etwas, je mehr umso besser, für Menschen, die diese so schmerzvolle Entwurzellung erleben müssen. So kam es, dass vor vier Jahren, mitten in der dunklen Winterzeit mein guter, solidarischer Freund Detlef mich für Deutschunterricht für Flüchtlinge in der ufaFabrik in Berlin – Tempelhof um Hilfe bat. Meine Freude war groß, da ich an diesem kalten Sonntag Nour, Halim und Youssef kennenlernen durfte. Sie waren zum Unterricht gekommen, verstanden kaum ein Wort, sahen etwas verloren aus und ich machte irgendwie einen Witz, wahrscheinlich eher mit Füßen und Händen als mit Worten, und plötzlich entstand die erste Verbindung: wir mussten zusammen lachen, wir schauten uns an und die spontane Sympathie war da, der Funke der Freundschaft wärmte den eiskalten Abend. Ich habe sie dann zu mir eingeladen, Deutschunterricht bei Tee und Kuchen, jeden Freitag ab 19 Uhr. Drei Jahre fast ohne Unterbrechung haben wir dann Deutsch geübt. Ab und zu kamen andere kurdische Freunde hinzu: der junge Arzt Messud, der sogar ein paar Wochen homeless war. Wir lachten über den Gedanken, dass Messud höchstwahrscheinlich der erste homeless Doktor der deutschen Geschichte war, wer weiß, vielleicht bekommt er noch einen Platz in einem historischem Buch !

Auch Ghassan besuchte uns mehrmals. Ghassan ist Zahnarzt, kam schon vor der grossen Flüchtlingswelle als politischer Geflüchteter an. Seinen erster Monat in Deutschland konnte er überleben, indem er jeden Tag an der selben Bude das gleiche bestellte und die einzigen deutschen Wörter, die er beherrschte immer wieder aussprach: „Bitte, ein Döner“.

In diesen drei Jahren sind wir wunderbare Freunde geworden. Ich bin sehr dankbar, solche guten Freunde für mein Leben gewonnen zu haben. Jeder ist auf seine Art und Weise etwas Besonderes:

Nour hat eine Liebenswürdigkeit, wie ich sie selten erlebt habe, eine fast unmenschliche Geduld und Ruhe, eine Sanftheit, die mich immer wieder daran erinnert, dass Respekt und Warmherzigkeit der Normalzustand aller Beziehungen sein sollte. Wie viel zwischenmenschlich Liebe entsteht, wenn wir Menschen ohne Konkurrenz, ohne „scheinen“ zu müssen, da wir kein Image füttern müssen, um miteinander umzugehen.

Halim bringt mit sich die Weisheit, Bescheidenheit und Freigiebigkeit seiner Ursprungsfamilie eines kleinen Bergdorfes. Eine Schlichtheit die reich ist an Liebenswürdigkeit und Fürsorge, voller Intelligenz und der Fähigkeit kritischen Denkens. Ein heller Kopf und ein großes Herz gleichzeitig, zwei Organe, die nur selten gleichzeitig in einem Körper zusammen leben. Halim denkt mit dem Herzen und fühlt intelligent, bleibt dabei aber immer bescheiden. Für mich ein Beispiel von Mensch, was ich unter Menschlichkeit verstehe. Falls dies nicht ausreichen sollte besitzt er eine unglaubliche Lebenskraft, die ihm erlaubt, Schwierigkeiten, schwere Zeiten, wie sie es in all den Jahren erleben mussten, bis ihre Familien in Deutschland endlich landeten, würdig auszuhalten. Eine unvergessliche Geschichte erzählte er uns in einer der vielen Deutsch-Unterrichtsstunden Freitag abends bei mir in Charlottenburg:

Sein Vater, wie er es oft tat, ging an einem Samstag ins Nachbardorf um dort Lebensmittel einzukaufen. Abends als er wiederkam, öffnete er vor seiner versammelten Familie einen grossen Koffer. Er war voller Süßigkeiten. Die Familie schaute ihn fragend an. Er erklärte: „Als ich auf dem Markt angekommen war, hockte am Straßenrand ein kleiner Junge und verkaufte Süßigkeiten. Er tat mir Leid und ich habe ihm mit dem Geld alle abgekauft, die ich nun für uns und zum Verschenken an all unsere Nachbarn mitgebracht haben.“ Halim, Nour, Youssef und ich lachten und klatschten. Einfach eine wunderbare Geschichte: schlicht, einfach, kurz und doch von einer Güte durchdrungen, die selbst in den Kirchen und frommsten Gemeinde, spirituellen Zentren, Yoga, Buddhismus und Zen - Zentren unseres modernen Westen fehlt.

Youssef ist der jüngste meiner drei Freunde und Schüler. Übrigens, unser Deutsch-Unterricht findet Mitte Juni 2020 weiterhin statt, weiterhin freitags, allerdings alle zwei Wochen, da die drei nun sehr beschäftigt sind, für meinen Geschmack fast zu tüchtig. Aber sie befinden sich nun in der Existenzgründung der ganzen Familie im Fall Nour und Halim, und Youssef hat mit Arbeit und Studium auch alle Hände voll zu tun!!! Also, Youssef:

Zu Beginn sympathisierte ich nicht zu doll mit ihm. Er nahm zu oft das Wort, sprach über Jegliches viel und man konnte ihn kaum auf Deutsch verstehen. Ich selber verstand ihn auch noch nicht. Er machte mir den Unterricht nicht leicht. Mit der Zeit fing ich an, zwischen den Noten zu hören, wie wir Musiker oft sagen, um die Seele der Musik wahrzunehmen. Ich verstand, dass Youssef nicht von seinem Ego getrieben wird, sondern von einem leidenschaftlichen Fleiß, seine Zeit zu nutzen, um das Richtige so gut wie möglich zu vollenden. Jetzt, wo wir uns gut kennen sind wir beste Freunde geworden und ich schätze seine Hingabe, Tüchtigkeit, seine Wissbegierde und Neugier sehr. Auch er ist ein so solidarischer Freund, immer hilfsbereit und hält immer eine wachsames Auge auf uns alle, seine Freunde. Ich werde nie vergessen, wie er immer wieder mit mir alleine sprechen wollte, wenn er merkte, dass es Nour oder Halim nicht gut ging. Dann versuchten wir zu durchdenken, wie wir helfen könnten. Ungefähr ein Jahr nach der Ankunft, ging es Nour gar nicht gut. Seine Frau und sein Sohn Adam, der in seiner Abwesenheit auf die Welt kam, da Nissrin, seine Frau, schwanger war, als er sich auf den gefährlichen und teuren Weg nach Deutschland machte, waren noch in Syrien. Die Zusammenführung der Familie erschien als ein unmögliches Ziel und er hatte die Kraft verloren, seine Frau telefonisch aufzumuntern und ihr Hoffnung zu schenken. Diese Aussichtslosigkeit machte ihn mehr als traurig: eine Woche lang wollte er kaum noch etwas essen. Wir riefen ihn oft an in diesen Tagen, um mit ihm den Schmerz zu teilen und ihm zur weiteren Geduld zu verhelfen. Mit trauriger Stimme hörte ich oft von meinen kurdischen Freunden: “Weisst du Pablo, immer nur warten, warten, warten...das ist nicht so leicht, oder?“

Natürlich nicht. Natürlich nicht. In den traurigen, dunklen und kalten Berliner Winterabenden war es besonders schwierig, eine gute Stimmung zu behalten. Youssef hat immer Solidarität gezeigt, ein toller Freund mit wunderbaren Werten.

Ich liebe die drei sehr. Das ist die Wahrheit und hoffe sie bleiben für immer in Deutschland. Natürlich ist die eine egoistische Aussage, da ich sie sehr vermissen würde, wenn sie eines Tages nach Syrien zurückkehren würden. Aber so soll es sein, wenn etwas Vernunft und Frieden wiederkehren sollte, dass sie in ihre Heimat zu ihren Angehörigen heimfahren könnten. Ich werde sie dann halt dort oft besuchen müssen, denke ich.

Als deutsch-argentinischer Bürger, der selber flüchten musste, kann ich allen denen, die Zeit verfügbar haben, empfehlen, diese in solidarischer Arbeit zu stecken. Sie bringt uns Menschen auf die reinste und menschlichste Art zusammen, uninteresiert, ohne Gier, ohne Geldzuwendung, halt ehrenamtlich, einfach nur herzlich, um uns gegenseitig zu helfen. Dies wirkt sich auf die Freundschaft so wunderbar aus. Es besteht nicht ein Hauch von Zweifel: pure Menschlichkeit, wie wir sie immer heimlich erträumt haben, wird nun real und erlebbar. Das Vertrauen, das in solchen Beziehungen entsteht, ist unschlagbar groß.

Dankbar hoffe ich noch viel Jahre dieses Genusses erleben zu dürfen.

Ich danke euch, ihr Lieben Nour, Halim und Youssef.

Gracias euer Pablo Miró

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