Komm doch zum Tee: Damaskus - Berlin: Der Weg eines Stipendiaten

Damaskus ist schön, wenn man jung ist und am Anfang seiner Ideen steht. Wenn die große Familie gemeinsam leben und Feste feiern kann, jeder von uns Heranwachsenden sich beruflich weiterentwickeln möchte und Ziele greifbar sind.

Mein Weg begann auch so:

Schule, Abitur, Studium der Medizin – glücklich geschafft!

Sogar ein Stipendium zur Weiterbildung in Deutschland wurde mir gewährt. Also lernte ich Deutsch (B1) und das Visum lag bereit!

Im März 2006 war meine Ankunft in Deutschland, mit Neugier, aber auch mit Herzklopfen. Die deutsche Sprache mit weiteren Kursen ist trotzdem recht schwierig, vielseitig, besonders zur Weiterbildung zum Facharzt für Psychiatrie. Hierbei sind mehr als Funktionen des Körpers zu lernen, weil tiefe Inhalte vom Verhalten zu erkennen sind und Hilfen für Patienten erfordern – also verständnisvolle Beratung für jeden!

Als meine Frau 6 Monate später nach Berlin kam, war ich sehr glücklich, sie gab mir Ruhe, das war auch nötig, denn Syrien veränderte sich schnell...beängstigend, weil Unruhen einsetzten.

Mein ursprünglicher Plan, nach Damaskus zurückzukehren, musste aus Gründen der stärker werdenden Kämpfe in Syrien überdacht werden. Ich war unsicher, voller Zweifel zur Rückkehr, aber auch zum Bleiben.

Meine Approbation erlangte ich 2012. Die Kollegen der Station hatten viel Geduld, gaben mir Unterstützung durch ihr Verständnis – damals gab es hier nur wenige Syrer.

Als Gast-Arzt hatte ich zunächst wenig Verantwortung, führte aber als ärztlicher Betreuer bereits Patienten-Gespräche. In dieser Funktion hat man auch noch mehr Zeit, die ich jetzt vermisse.

Es drängte die Entscheidung, die Nachrichten aus unserer Heimat gaben keine Hoffnung zur Rückkehr und als die Endgültigkeit feststand, hier zu bleiben, waren wir unglücklich und zerrissen..., nicht nur wir verlieren unser Land, unsere Familien sind dort schutzlos, man hat nur noch Angst, daran zu denken...

Während meiner vielen Überlegungen und Zweifel habe ich mich mit Kollegen getroffen, die ich aus Damaskus kannte. Sie haben ähnliche Lebenswege und Gedanken.

Der tiefe Sinn des Helfens lebt in uns, gerade in Krisenzeiten – 2011 ein historischer Moment. Aus diesem Grund haben wir gemeinsam den Verein ALKAWAKIBI e.V. gegründet. Die Hilfe soll viele Menschen, nicht nur in Berlin, erreichen.

Dass verschiedene Projekte dort Platz finden, wussten wir damals noch nicht, ebenso dass viele geflüchtete Ärzte hier von uns Unterstützung für ihren Start erhalten werden.

Die wachsende Vernetzung ab 2015 ist so erfolgreich, dass die Fortbildungen und Leistungen mit dem Berliner Gesundheitspreis 2017 (1.Preis) prämiert worden.

Die vergangenen Jahre waren fast nur mit Lernen, Arbeit und sozialem Einsatz ausgefüllt. Unsere 3 Kinder wachsen hier in Frieden auf, erkennen aber auch die Wichtigkeit von Fürsorge und Rücksicht.

Alle diese Punkte zeigen mir, dass sich die Erfahrungen von Anstrengungen und die Geduld der deutschen Kollegen gelohnt haben.

Heute bin ich in der Lage und das mit Überzeugung, den aus Krisengebieten geflüchteten Ärzten mit Hilfe meines Berufes helfen zu können.

Das Schicksal hat oft Überraschungen bereit, denn als Ersthelfer konnte ich für meine Brüder bereit sein:

2014 kam mein Bruder (Arzt) mit Familie und unseren Eltern aus Syrien über Ägypten nach Berlin, Vater ist erblindet, Mutter ist mit den Beinen behindert.

2015 kamen 3 Brüder, auch aus medizinischen Berufen aus Syrien. Sie sind mit einem Boot geflohen und haben dabei ihre kleine Tochter verloren, ein schrecklicher Verlust. Sie leben jetzt in Halle.

Meine Sicht aus Deutschland auf den Krieg in Syrien ist mit unbeschreiblichen Emotionen belastet. So ist es nur natürlich, dass ich ständig an alle möglichen Hilfen denke, hier und dort...

Seit ich in Deutschland bin, erfahre ich verstärkt vom „Ehrenamt“. Einzelne Menschen, auch Organisationen, aus allen Lebensbereichen geben ihre Zeit, auch finanzielle Mittel an Bedürftige. Dieses soziale Netz ist besonders ausgeprägt in Krisenzeiten. Es hat sich entwickelt, weil es hier nicht so große Familien gibt, die sich immer gegenseitig helfen. Ebenso wie die Vereinskultur, man trifft dort Leute mit gleichen Interessen und Hilfsmöglichkeiten.

Da ich die deutsche Sprache beherrsche, die Bürokratie kenne, konnte ich die ganzen Jahre viele Aufgaben neben meinem Beruf und der Familie und als einziger Verdiener übernehmen. Wichtig ist ebenso, dass ich sie beruflich mit Sprache und Informationen für alle Prüfungen unterstützen konnte.

Das ist mein Einsatz und auch mein Dank an Deutschland. Meine große Familie kann nun in medizinischen Bereichen, hier Mangelberuf, arbeiten.

Vielleicht haben wir bald mehr Zeit, unsere Gemeinsamkeit zu genießen. Unsere Sicherheit gibt uns viele Chancen für ein glückliches Leben, von dem wir den Deutschen gern etwas abgeben.

Darum ist die menschliche und materielle Hilfe direkt für meine Familie sicher verständlich. So sehe ich gleichzeitig meine Aufgabe als Ehrenamt, um gemeinsam die Integration zu fördern – und ich bin stolz darauf, meiner Familie helfen zu können und zuverlässige „Neubürger“ in unserer Gesellschaft leben und wirken zu lassen.

Dr. Jihad Alabdullah

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