Komm doch zum Tee: Der Mann aus Zahlen

Meine Wurzeln sind in Palästina...

Aufgewachsen bin ich in Damaskus, staatenlos wie Viele...

Das Leben dort mit meiner Familie (Eltern, Bruder, Schwester) kannte ich nur so:

Abitur, Studium: Mathematik, Physik... Chemie – Universitäts-Lehrer!

Die Heirat mit Raneem, eine hübsche, syrische Frau mit Studium (Englisch, Französisch), war ein Lichtblick in den unruhigen Zeiten mit verstärkten Kriegshandlungen. Unsere zwei kleinen Mädchen verstanden unsere Sorgen noch nicht, und meine Frau hatte Angst – um alles, um die Familie, um sich selbst, besonders aber um mich!

Ich musste Syrien verlassen – Grund: ICH KANN NICHT TÖTEN!

Im September 2015 floh ich mit Boot, Laufen, Bus nach Deutschland. Mit Angst, Erschöpfung und Unsicherheit kam ich nach Thüringen, später nach Berlin, weil hier bereits die Familie von Raneem (Sara) angekommen war...

Voller Optimismus, obwohl allein in einer Unterkunft lebend, lernte ich Deutsch, suchte Möglichkeiten/Kontakte zur Weiterbildung. Da Mathematik mein Leben erfüllt, wollte ich unbedingt mein Wissen an syrische, jugendliche Geflüchtete weitergeben – in Arabisch zum Verstehen der Inhalte, Deutsch lernen sie in der Schule.

Als im November 2016 meine Frau mit den Mädchen in Berlin ankamen, lebten wir gemeinsam in einer Unterkunft (Fluchtweg: Syrien-Türkei/illegal über die Grenze, Flug: Istanbul-Berlin). Später sind wir in ein Hotel umgezogen: Wir schliefen alle vie in einem Doppelbett, ohne Möglichkeit zum Kochen, Tee oder Suppe für die Kinder. Bald gab es einen Kita-Platz von Montag-Freitag, aber alle übrige Zeit konnten wir nichts Warmes essen und trinken!. Wir saßen im Bad auf der Erde und haben Gekauftes gegessen, das Geld reichte nur wenige Tage dafür...

Aus Syrien hören wir Hoffnungslosigkeit, Eltern weinen, Verluste...wir können nicht schlafen, gleichzeitig lernen, wie lange halten auch wir das aus?

Die anstrengende Wohnungssuche hatte durch meine Kontakte irgendwann Erfolg – es ging vorsichtig voran: Als ehrenamtlicher Lehrer konnte ich im Märkischen Museum Jugendliche unterrichten. Gleichzeitig war ich täglich in der Uni Potsdam, hatte einen Kurzvertrag mit der TU-Berlin – alles Maßnahmen, um eine baldige Anstellung als Uni-Lehrer zu erhalten.

Meine Frau hat in kurzer Zeit das Deutsch-Niveau zum Informatik-Studium erreicht: Bravo!

Freizeit ist wenig, mal mit den Kindern, mal TV-Fußball bei Freunden, Fitness müsste sein!

Die Bürokratie ist die größte Hürde, um Fähigkeiten in die Tat umzusetzen! Obwohl meine syrischen Unterlagen anerkannt wurden, mein Sprachniveau Deutsch C1, div. Fortbildungs-Zertifikate vorliegen, kann ich keine Anstellung bekommen.

Die Ergebnisse der Schüler meiner ehrenamtlichen Tätigkeit können sich sehen lassen: Von 10 besten Schülern in Berlin/Brandenburg waren sechs von mir - 5 Syrer + 1 Afghane sind zum Abitur zugelassen!

Die MSA-Feier letztes Jahr im festlichen Rahmen gab mir das Gefühl der Wertschätzung dieser jungen Menschen – es ist der beste Weg der Integration.

Einige Syrer und Deutsche, die uns seit Jahren begleitet haben, spürten alle Gefühle und gaben uns Hoffnung. Die Gemeinschaft der Schüler, Freunde und Kollegen stärken uns weiter – aber wir brauchen auch die Unterstützung des Senats von Berlin. Wir können und wir wollen mit Deutschen leben und arbeiten!

Aktuelles

Trotz aller Unterlagen, der schulischen Prüfungen mit bemerkenswerten Erfolgen, ist es mir nicht möglich gewesen, eine entsprechende Arbeit in diesem Bereich zu finden. So bin ich den schweren Weg in die Selbständigkeit gegangen:

Vor 1,5 Jahren habe ich ein Institut für Schülerförderung gegründet, die besonders für arabisch sprechende Schüler zwischen 13 und 18 Jahren geeignet ist.

Die Prüfungsanforderungen werden für MSA und Abitur eingehalten.

Auch dieses Jahr 2020 sind sieben von den 10 besten Schülern Berlins durch uns beschult worden!

Die Fächer Mathematik, Physik, Chemie, Deutsch und Englisch werden durch 7 Lehrer vermittelt. Die Kosten werden durch Beiträge erwirtschaftet.

Die Mieträume in Neukölln mussten jetzt durch Corona gekündigt werden.

Seit April 2020 (auch in den Ferien) werden Gruppen mit je 25 Schülern in der „Ulme“ unterrichtet. Für viele Schüler ist der Weg mit langen Fahrten verbunden.

Meine Anfrage nach Räumen läuft berlinweit.

Wenn ich diese Bildungschancen für Jugendliche nicht mehr in vorgesehenem Maß vornehmen kann, wird es schwer für die Schüler sein, rechtzeitig den Anschluss an deutsche Anforderungen zu finden.

Für mich bedeutet es klar: Arbeitslosigkeit!

Selbst unsere jetzt kleine Wohnung müssten wir räumen – wohin können wir gehen?

Noch schlimmer: Als staatenloser Palästinenser habe ich keinen Anspruch auf staatliche Hilfe – ich möchte mir den Rest nicht vorstellen...

Jalal

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