Komm doch zum Tee: Mahmouds Kindertraum

Als jüngstes Kind mit 7 Geschwistern hatte ich Träume wie alle ... Spielen, Fußball, geselliges Leben mit Familie, sogar die Schule war schön.

Unsere Lebenssituation, die ich als kleines Kind als normal empfand, veränderte jedoch zunehmend unser Sicherheitsgefühl, damit kamen Ängste und Unruhe.

Wir leben in Nablus, Palästina – damals wie heute – unsere Heimat mit Vergangenheit und politischer Sorge für die Zukunft. Wir sind staatenlos, wie fast alle dort. Die kriegsähnlichen Zustände seit unzähligen Jahren mit Zerstörungen der Häuser, Schulen, Wasserleitungen, Mangelernährung und ohne Hoffnung auf Frieden in dieser Region lassen viele verzweifeln.

Ich habe viel gesehen, erlebt und sicher waren viele Anlässe der Grund, warum ich schon als heranwachsendes Kind unbedingt Arzt werden wollte. Für meine Eltern würde es schwierig werden, mir als einziges Kind eine solche Ausbildung zu ermöglichen – aber es war mein großer Wunsch und sollte kein Traum bleiben...

Nach dem Abitur hatte ich die Chance zum Medizin-Studium in der Ukraine. Russisch ist nicht einfach! Wie glücklich und stolz war ich nach dem Examen, als ich wieder in Nablus war! Immer werde ich meinen Eltern dankbar für Ihr Verständnis sein und das Vertrauen ehren, was sie mir gegeben haben...

Bald konnte ich im Krankenhaus in Nablus meinen Dienst antreten – ich war so glücklich!

Während meiner Studienzeit spürte ich nicht ständig die Unruhen wie in Palästina, aber meine Rückkehr zeigte mir die schreckliche Gegenwart. Um meinen Facharzt zu erreichen, also neben der Arbeit weiter zu lernen, Prüfungen zu absolvieren, fehlte einfach die Ruhe, der Schlaf, der Frieden...

Nach vielen Überlegungen und Gesprächen mit den Eltern sah ich die Möglichkeit, in Deutschland zu lernen und den Facharzt (Kardiologie) zu erlangen. Mir war inzwischen viel bewusster, in welche Situation ich meine Familie bringe und dann zurücklasse. Vor dem Studium hatte ich die jugendliche Neugier, wollte etwas beweisen, dachte also mehr an mich. Nun sah ich täglich das Leid, Kämpfe, konnte nichts zum Aufhalten bewegen und tiefe Traurigkeit um alle, die die Not ertragen mussten, ließen mich an meinem Plan zweifeln. Mein Vater hat wieder alles für mich möglich gemacht, Mut zugesprochen, für Geld gesorgt, zuversichtlich gelächelt, als ich wegging...

Ein Visum für Deutschland konnte ich nur über einen Sprachkurs in Berlin erlangen, d.h. als Staatenloser nur über Israel beantragen. Es wurde mir genehmigt. Wieder hat meine ganze Familie für mich gesammelt, um den Aufenthalt und den Deutschkurs mit Prüfungen zu finanzieren. Trotz guten Informationen ahnte ich nicht, wie vielfältige Schwierigkeiten auf mich warteten, außerdem ist Deutsch eine recht schwere Sprache.

Ende 2017 bin ich in Berlin angekommen, irgendwo ein Zimmer in einer WG gefunden, was fast schon ein Wunder war. Die Wohnsituation ist für alle auffallend kompliziert. Alles war so fremd, die Wege immer weit, auch zum Deutsch-Kurs. Da ich nur meinen Freund Mohammed aus Nablus kannte, gab es nur Lernen, damit ich mein Ziel, ebenso wie er, erreichen kann.

Als Palästinenser kann ich von deutschen Ämtern keine Hilfe erwarten, da ich nicht als Flüchtling anerkannt werde. Das bedeutet: Obwohl ich als Arzt im Mangelberuf in Deutschland gelte, muss ich ALLES selbst bezahlen wie Deutsch-Kurse, alle Prüfungsgebühren, auch für die Fachsprach-Prüfung, es sind Hunderte Euro!

Der Druck, dass ich wegen Geldmangel schnell alle Prüfungen schaffen musste, quälte mich ebenso wie der Hunger. Das in Deutschland so beliebte Schwarzbrot war für längere Zeit meine Dauermahlzeit. Es macht lange satt, aber wenn man nur Brot isst... soviel Anderes sieht... das ist bitter! Mein leiser Trost: Dafür gibt es hier keinen Kanonendonner, Geschütz-Feuer, keine Schreie...

In Berlin gibt es den syrisch-deutschen Ärzte-Verein. Dort treffen sich Ärzte, Zahnärzte, Apotheker – Deutsche und Syrer, die Geflüchteten und arabisch sprechenden Medizinern Hilfe zur Fortbildung anbieten.

Diese Kontakte sind wichtig, um in beiden Sprachen Fachfragen zu klären, aber auch mehr Deutsch zu sprechen.

Es fiel der Name ufaFabrik, Treffpunkt für Geflüchtete mit Detlef und Helfern. Obwohl mir die Zeit fehlte, ging ich hin, denn ich brauchte dringend Unterstützung in Deutsch.

An einem Sonntag fand ich dort eine bunte Gesellschaft, jeder war willkommen, aufgeteilt in muntere Gruppen, arabisch-deutsch-englisch sprechend, Kaffee und Tee trinkend, mancher zeigte seine Papiere, Briefe...

Eine Ehrenamtliche, Alexandra, die mit Deutsch half, auch Ausflüge, und Veranstaltungen organisierte, saß mit am Tisch. Für meine speziellen Fragen, die Zeit und Ruhe brauchten, verabredeten wir uns in einer Bibliothek.

Diese gemeinsame Zeit mit Verständnis für einen staatenlosen Palästinenser (sie war früher auch staatenlos und kannte Israel) gab mir Sicherheit. Nachdem ich meine Prüfungen in Deutsch und medizinischer Fachsprache in nur 1,5 Jahren hier bewältigt habe – eine besondere Leistung, sagte sie – wollte ich meine Bewerbungen als Arzt im Krankenhaus starten.

Es sind nicht nur die medizinischen Leistungen, die in einer Bewerbung stehen, sondern auch die Haltung und die Ausstrahlung bei einer persönlichen Vorstellung, die bewertet werden.

In der praktischen Arbeit bin ich schon in den meisten Bereichen sicher, denn ich habe bereits in Nablus gearbeitet – meine Heimat, meine Sprache...

In Berlin wurde mir in einem der größten Krankenhäuser meine Hospitation mit gut bestätigt, wobei ich auch hier nur wenige persönliche Kontakte mit Deutschen aufbauen konnte.

Jetzt ist nicht die deutsche Sprache wichtig, die Zeit mit Patienten, die Finanzierung, der Umgang miteinander sind anders. Im Kopf ist auch schon der Neustart außerhalb Berlins (in Brandenburg), alles ist wieder neu, Behörden... die mir bekannten wenigen Deutschen kann ich nicht fragen... Das macht mich unsicher.

Manchmal denke ich noch an Alexandras Übungsstunden zur Bewerbungs-Vorstellung! Ich hatte Vertrauen zu ihr. Sie hatte viel Erfahrungen im Berufsleben und mit Menschen, sie war schon 79 Jahre alt, verständnisvoll und fröhlich.

Beim letzten Treffen vor meiner Vorstellung sagte sie: „Sitz mal gerade, sieh mich direkt an, ich bin jetzt Chef! Sprich langsam und deutlich, du hast ein Ziel! Und du hast alle Prüfungen bestanden: du bist Arzt und hast schon etwas geleistet – sei mal stolz auf dich!

Gut so! Genau so versuche es morgen! Ich wünsche dir viel Erfolg, ich denke an dich!“

Leise sagte ich: „Danke, ich gehe gleich zu meinem Freund. Er hat schwarze Schuhe, die ich mir für morgen leihe, wir haben beide nur dieses eine Paar.“

Danach meldete ich mich bei ihr, hatte aber einige Zweifel wegen der Stelle.

Nach einigen Bewerbungen war ich erleichtert – ich hatte einen Arbeitsvertrag! Endlich konnte ich arbeiten! Die Bürokratie ist langwierig, besonders weil ich in einen kleinen Ort in Brandenburg umziehen musste. Diese Wartezeit nutze ich, um ein paar Tage nach Hause zu fahren. Der Weg nach Palästina ist weit, umständlich und teuer. Aber ich bin jung, gesund und die Vorfreude auf ein Wiedersehen mit Dankbarkeit stärkte mich. Viele kleine Geschenke wurden eingepackt...nachts mit Bus nach Prag, Flug nach Amman (Jordanien) und wieder mit Bus 10 Stunden nach Nablus. Auch dafür musste ich mir Geld leihen, was mich selbst schmerzte. Die Erschöpfung mit der anstrengenden Zeit vorher, den Entbehrungen zusätzlich, waren mir anzusehen!

Die kurze Zeit bei meiner Familie war angefüllt mit Erzählen und Essen und Sorgen. Mein Vater war krank und es war gut und richtig, dass ich dort war. Alles dort ist unsicher, unruhig, viel zerstört, viele Menschen gehen weg, wohin? Vorher gingen sie nach Syrien und jetzt???

Mit schweren Gedanken fuhr ich zurück. Für meinen Arbeitsplatz mietete ich mir eine kleine Wohnung, leider fehlte alles! Aber ich hatte Glück: Eine alte Freundin von Alexandra ging ins Seniorenheim und löste ihre Wohnung auf. Es gab eine Menge, was ich brauchen konnte. Ein paar Bekannte und ein großer Wagen haben geholfen, um alles in die 80 km entfernte Wohnung zu transportieren.

Die schon etwas bekannte Umgebung in Berlin, vertraute Menschen wieder zu verlassen, fiel mir nicht leicht, zumal Probleme mit Behörden zum Alltag gehören.

Bald bekam ich Besuch von Alexandra und ihrer Freundin, die mir Haushaltsdinge brachten – ein fröhlicher Nachmittag mit Kaffee und Kuchen, Lachen und Plänen ohne Sorgen...

Die Arbeit im Krankenhaus war interessant und gefiel mir gut. Bei manchen Menschen/Kollegen bin ich fremd geblieben, weil ich still bin, nicht so schnell spreche und ich möchte als Neuer nicht auffallen. Ich hörte, dass es vielen Syrern auch so geht... Deshalb habe ich die Stelle gewechselt und habe gleich in einem anderen Krankenhaus einen Arbeitsvertrag bekommen.

Zwischen diesem Stellenwechsel, wieder mit Bürokratie und Wartezeit verbunden, kam eine weitere Sorge: Mein Vater war so schwer erkrankt, meine Mutter rief sogar an und ich bin gleich den weiten Weg wieder nach Nablus direkt ins Krankenhaus gefahren. Mein Vater hatte eine Herz-OP und war sehr schwach. Mein Bedürfnis als Sohn und Arzt ihm zu helfen, erfüllte mich so sehr, umso mehr war ich traurig, als er kurz danach von uns ging. Die Trauer, die Leere – ich konnte nicht mehr denken. Meine Mutter ist nun allein... ich gehe wieder weg... ich fühle mich so schlecht, ohne meine Eltern wäre ich nichts, meine Dankbarkeit darf nicht alles sein. Auch wenn meine Geschwister dort sind, aber welches Leben, welche Aussichten haben sie denn?

Meine Familie fehlt mir sehr, aber ich weiß nicht, ob ich noch in Palästina leben könnte. Mein anderes ICH möchte in Deutschland sein. Es ist ein friedliches, soziales und tolerantes Land, auch wenn ich noch mit den Behörden Schwierigkeiten habe. Es wird sich regeln lassen. Langsam finde ich Anschluss, die bisherigen Bekanntschaften sind schon Freunde. Und ich kann mit Freude meine Mutter finanziell unterstützen; das ist mir sehr wichtig.

Beruflich und privat sind hier für mich gute Möglichkeiten, langsam vorwärts zu kommen. Ich setze alle meine Kräfte ein, um hier als Facharzt für Kardiologie zu arbeiten und zu leben.

Mahmoud

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