Komm doch zum Tee: DOKOCH, 27 Jahre

Meine Kindheit in Syrien war frei von Sorgen, ohne Krieg...

Die Familie war, wie fast überall, recht groß mit vielen kleinen und großen vertrauten Menschen. Es war ein wohlhabendes Elternhaus mit den Möglichkeiten für Reisen, Studium und anderen Plänen. Der Wunsch, Arzt zu werden, entwickelte sich also schon früh; meine Eltern unterstützten mich dabei verständnisvoll und ich begann mein Medizinstudium...

Die Lage in Syrien war durch die Ereignisse des fortschreitenden militärischen Einsatzes unsicher geworden.

Heute noch spüre ich diese Situation, alles stehen zu lassen, was mich und uns friedlich umgeben hat: Haus und Werte – besonders aber meine alte Familie und Freunde, auch unsere Mitarbeiter, Angestellte, die bleiben mussten. Wir wissen nicht, wie es ihnen jetzt geht. Ich kann es nicht vergessen, es waren die ersten glücklichen 20 Jahre meines Lebens...

Später erzählte mein Vater, dass die Familie alles verloren hat, er war trotz eigener Ansichten, ein angesehener Mann.

Wir gingen nach Ägypten, auch um dort mein Studium fortzusetzen – zwei Jahre lang. Aber es fiel mir sehr schwer, denn ich spürte die politische Situation nach 2013 – sie ist schwierig geworden.

So entschloss ich mich, nach Gesprächen mit meinen Eltern, auch dieses Land in Richtung Deutschland zu verlassen. Nur gut, dass meine mentale Stärke mir beistand – die Entscheidung „BOOT“ war mehr Gefahr, als ich ahnte. Im Mittelmeer, sonst Urlaubsgegend, waren unzählige Flüchtlinge in Booten bei jedem Wetter als Transportmittel zu erkennen; ich war 28 Tage kreisförmig unterwegs, krank mit anderen – heute noch unvorstellbar für mich!

Im Winter Ende 2014 in Berlin angekommen, konnte ich mit viel Glück meine neue Zukunft sehen:

Eine deutsche Familie mit viel Verständnis, voller Engagement nahm mich auf, schaffte Kontakte, gab mir Sicherheit und Zuversicht. Meine Kräfte kamen zurück...

Viele Syrer traf ich wieder, neue lernte ich kennen – unsere Schicksale haben uns verbunden, aber die meisten mussten in Notunterkünften leben. Da ich schon immer, trotz unseres Hauspersonals, gern beim Kochen zusah und half, gründete ich ein Catering-Unternehmen, das auch im rbb-TV vorgestellt wurde.

Und das war der Hit: Ich bekam die Chance, für Herrn Dr. Steinmeier und andere Politiker zu kochen!

Aber der Wunsch nach einem Studium wurde größer, zumal meine deutschen Sprachkenntnisse gute Fortschritte machten. Das Studium für Technik/Medien war hier besser für mich als Medizin, das schon eine Zeit unterbrochen war. Das Leben hat sich und damit auch mich verändert. Durch meine frohe Seele, meine Dankbarkeit und Offenheit habe ich ein gutes Umfeld und Freunde. Erstaunlich wie groß der Kreis meiner Bekanntschaften geworden ist, auch besonders durch meine deutsche Familie: ein junger syrischer Arzt wohnt gegenüber, eine junge syrische Familie mit zwei Kindern konnte durch sie in unserer Nähe wohnen. Er ist Hochschullehrer und kennt Alexandra, eine deutsche Helferin, die die Familie seiner Frau kennt... ihre Schwester Sara ist gerade Abiturientin. Bei einem Treffen, bei dem ich sprachlich helfen sollte, lernten wir uns kennen... sie sah mich im rbb, kennt den befreundeten Arzt... so wird gestaunt, gelacht, geplant, geholfen... uns so kennen wir viele und freuen uns dann aufs Wiedersehen.

Der Terror-Anschlag am 19.12.2016 in Berlin war für alle Menschen ein Schock! Aus den Reihen der Geflüchteten war neben dem Entsetzen die Scham zu spüren. Gegen Menschen, die hier leben, ihnen helfen, wurde Gewalt angetan. Ich wollte Klarheit schaffen, zeigen, wer und wie die meisten von uns sind! Mit dem Ausspruch aus Goethes Faust „Blut ist ein ganz besonderer Saft“ war sofort meine Vision der Hilfe und Dankbarkeit gestartet.

Bei der bundesweiten Aktion zur Blutspende „Bluten für Deutschland“ wollten Geflüchtete ein Zeichen für Solidarität mit dem Land setzen, was sie aufgenommen hat. Es sollte ein Zeichen gegen Terrorismus und das Fehlverhalten Einzelner sein. Der übliche Betrag von 20€ für eine Blutspende wurde für Obdachlose in Berlin gespendet. Es sind damit gleich zwei wesentliche Punkte erkennbar: Geflüchtete wollten mit der Blutspende helfen und gleichzeitig ist das Geld für soziale Zwecke gedacht.

Ende 2017 wurde mein Projekt „Bluten für Deutschland“ vom Berliner Bürgermeister geehrt.

Meine Jahre in Deutschland haben mich geprägt. Die Erlebnisse, Möglichkeiten der Veränderung, die unterschiedlichen Menschen zeigen mit meiner Vergangenheit ein neues Lebensgefühl.

Meine Zukunftspläne sind der Abschluss meines Studiums Medien-Informatik und die Selbständigkeit. Wenn es in Syrien wieder friedlich wird, würde ich gerne zurückgehen und für Deutschland arbeiten und mich mit deutschen Unternehmen beschäftigen. Nach so vielen Jahren in Deutschland ist es schwierig zu sagen, dass ich in Zukunft ausschließlich in Syrien bleiben würde. Deutschland ist auch ein Teil von mir geworden. Viele Menschen fragen, was Deutschland für mich bedeutet. Meine Antwort: Wenn Syrien mein Mutterland ist, dann ist Deutschland mein Vaterland!

Meine beste Sache in Deutschland war und ist die deutsche Familie, die ich kennengelernt habe und wo ich wohne: Barbara und Hardy - die sind der schönste und wertvollste Teil der Geschichte. Ich fühlte mich immer als ein Teil der deutschen Gesellschaft.

Aber tief im Herzen bleibt meine Familie, die ich nicht sehen kann. Ganz oft und im Stillen wünsche ich sie mir hier. Sicher werden wir uns in einem anderen Land treffen... irgendwann – sie haben die gleiche Sehnsucht wie ich...

Moha

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