Komm doch zum Tee: „Ärzte helfen Ärzten“

Fünf Jahre kollegiale Unterstützung im Berliner Projekt „Ärzte helfen Ärzten“

Durch einen Artikel von Dr. Rainer Katterbach im Mitteilungsblatt der Berliner Ärztekammer (Berliner Ärzte, 06/2015) über das Mentorenprojekt „Ärzte helfen Ärzten“ fühlte ich mich angesprochen: Kollegiale Unterstützung für geflüchtete Ärztinnen und Ärzte aus Syrien zu leisten, das lag im Rahmen meiner persönlichen und zeitlichen Möglichkeiten. Zudem hatte ich in den Jahren zuvor ein wenig Arabisch für den Urlaub gelernt, so dass ich hoffte, im Kontakt mit Muttersprachlern meinen kleinen Wortschatz zu erhalten oder gar aufzubessern. Nicht zuletzt stellte sich mir der Ansatz der kollegialen Unterstützung als erfolgversprechend dar. Das war mir aus anderen Bereichen wie Musik und Sport vertraut: schnelle, unkomplizierte Kontaktaufnahme und Verständigung fast überall auf der Welt auf Basis einer gemeinsamen Leidenschaft. Warum nicht auch auf Basis eines gemeinsamen Berufs?

Also erschien ich im Sommer 2015 zum ersten Mal bei einem Treffen des Deutsch-Syrischen Forums des Vereins Alkawakibi e.V. Dr. Katterbach beschrieb mir zuvor die Treffen als „etwas chaotisch aber herzlich“. Diese Formulierung erwies sich als zutreffend. Etwa 50 syrische Ärzte, Zahnärzte und Apotheker und einige deutsche Kollegen versammelten sich in einem viel zu kleinen Besprechungsraum. Nach einer Vorstellungsrunde wurden am Ende des Treffens Kontakte geknüpft. Mich sprach dabei ein Arzt aus Syrien an, der sich bereits in der Vorbereitung auf die nahende Fachsprachprüfung befand und noch jemanden zum Üben brauchte. Und so fing ich an, mich mit den Sprachniveaus (B1, B2, C1) zu beschäftigen, welche Prüfungsmodalitäten für die Deutsch- und Fachsprachprüfungen vorliegen, welche Hürden es bei der Beantragung der Approbation zu überwinden gibt etc. Aber auch meine eigenen Kenntnisse der medizinischen Terminologie musste ich etwas auffrischen. Denn 25 Jahre nach meinem eigenen Studienabschluss waren einige in meinem Berufsalltag und in meiner Fachrichtung nicht mehr verwendete Begriffe in meinem Gedächtnis verschollen und mussten reaktiviert und auch um viele englischsprachige Begriffe und Abkürzungen erneuert werden.

Wenig später wurde ich gebeten, Kontakt zu einem weiteren syrischen, nicht mehr ganz jungen Kollegen aufzunehmen. Als schon langjährig in seiner Heimat tätiger Chirurg befand sich Moussa (Name geändert) noch ganz am Anfang seines Deutschlehrgangs. Wie bei einem „blind-date“ trafen wir uns in einem Kaffee, konnten uns zunächst nur mit Übersetzungs-App und Wörterbuch/Bildwörterbuch verständigen, lernten uns aber im Laufe der Zeit kennen und schätzen. Mittlerweile hat M. seine Prüfungen geschafft und seine Approbation erhalten, hat seine Familie nachkommen lassen und fand eine Stelle in einem Krankenhaus in Norddeutschland. Seither ruht der Kontakt: das Alltagsleben, der Beruf und die Familie und die neuen Lebensumstände binden Zeit und Aufmerksamkeit. Ein neuer Lebensabschnitt hat für ihn begonnen.

Seit Sommer 2015 habe ich weitere Kolleginnen und Kollegen aus Syrien bei zusätzlichen notwendigen Unternehmungen unterstützt, etwa als Begleitung zum Landesamt für Gesundheit und Soziales bei Fragen zur Approbation, zum Bürgeramt zur Beantragung eines Polizeilichen Führungszeugnisses oder zur Ärztekammer bei Fragen zur Fachsprachprüfung. Einige Kollegen konnte ich zu ärztlichen Fortbildungen mitnehmen, um dabei auch die persönliche Kontaktaufnahme zu Kliniken und Praxen für Hospitationen zu ermöglichen. Manchmal wurde Unterstützung beim Abfassen von Bewerbungsschreiben und Stellengesuchen gewünscht. 

Eine neue Sprache und eine neue Kultur lernt man jedoch nicht nur in den (Fachsprach-)Kursen von Sprachschulen kennen. Also machten wir uns auf die Suche nach weiteren Möglichkeiten. Berlin bietet beste Voraussetzungen für Freizeitaktivitäten kultureller, sportlicher oder anderer Art. In jedem Bezirk werden Angebote für jeden Geschmack und Geldbeutel angeboten.  Und so rundeten Aktivitäten wie Zoo-, Aquariumsbesuche, Schlittschuhlaufen, Waldspaziergänge, Museums- und Konzertbesuche, Dampferfahrten und gemeinsames Essengehen unsere Sprachübungen ab.

Einmal äußerte M. den Wunsch nach einer Radtour: Klar, gerne! Radfahren ist in Berlin „in“ und oft auch eine Weltanschauung. Wie sieht das aber in Syrien aus?  Ist dort das Radfahren auch ein normaler Bestandteil des Verkehrs, der sportlichen oder Freizeitaktivitäten? Auch für einen gestandenen syrischen Arzt mittleren Alters?

Wir suchten ein gutes Herrenfahrrad heraus und verabredeten uns mit dem Kollegen an einem herrlich sommerlichen Tag für eine überschaubare Tour von ca. 25 km. Seit der Kindheit habe M. nicht mehr auf einem Fahrradsattel gesessen, aber jeder weiß: Radfahren verlernt man nicht! So ging es dann los, erst etwas wackelig aber unfallfrei. Nach 20 Minuten wurde der zuvor verschmähte weiche Gelsattel aufgelegt, denn solch eine ungewohnte Sitzhaltung forderte bereits zu Beginn der Tour ihren Tribut. Die ungewohnte körperliche Aktivität ließ den untrainierten Kollegen zusätzlich ins Schwitzen kommen. Und wer hätte gedacht, dass auch Berlin einige Hügel und Höhenmeter vorzuweisen hat? So ging es denn ab Bahnhof Grunewald zum Wannsee und zurück über den Karlsberg mit dem Grunewaldturm bis zum Spandauer Damm. Der Routenplaner einer bekannten Suchmaschine gibt an, dass wir hierfür 112 Höhenmeter bergauf und 109 Höhenmeter bergab gefahren sind. Puh! Für uns untrainierte Flachländer eine enorme Leistung! Was wir nicht berücksichtigt haben und uns anfangs auch der syrische Kollege nicht verriet: Unser Ausflugstag fiel auf einen der ersten Tage im Ramadan. Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang darf weder gegessen noch getrunken werden... bei 28 Grad Celsius an einem sonnigen Tag eine ungewohnte körperliche Anstrengung ohne Erfrischungsgetränk oder Stärkung... eine kleine Herausforderung!

Das Üben für B1-, B2-, C1- und Fachsprachprüfungen war Schwerpunkt meiner Unterstützung. Die persönliche Betreuung ist für mich in den Hintergrund getreten. Neben der eigenen Berufstätigkeit, Freizeitaktivitäten, Versorgung pflegebedürftiger Angehöriger und eigenen gesundheitlichen Einschränkungen, wurde es immer komplizierter, die persönliche 1 : 1 - Betreuung einzelner syrischer Kolleginnen und Kollegen zeitlich zu koordinieren. Zudem gibt es mittlerweile viele professionelle Sprachlehrgänge, die vom Jobcenter finanziert und von den Behörden anerkannt werden, so dass verständlicherweise eine private Unterstützung nur noch eine Ergänzung darstellen kann. Der Wunsch nach Einblick in die Berliner Kulturlandschaft wird nach meiner Erfahrung nicht vordringlich geäußert. Primär steht ganz verständlich das Bestreben, so schnell wie möglich die Voraussetzungen für die ärztliche Approbation zu erfüllen, für die geflüchteten Kolleginnen und Kollegen im Vordergrund.

Aktuell beteilige ich mich nur noch an den monatlichen Fallbesprechungen in der Praxis der engagierten Mentorin Margarete Falbe und bin von Zeit zu Zeit als Fachsprachprüferin ehrenamtlich an der Ärztekammer tätig. Alle anderen Angebote des Alkawakibi-Vereins, die monatlichen Treffen und der persönliche Austausch haben sich im Laufe der 5 Jahre reduziert und sind in Zeiten von Corona ganz ausgeblieben.

Mein Fazit: die Kontakte zu den syrischen Ärztinnen und Ärzten haben meinen Horizont erweitert. Es hat Spaß gemacht, sich auf beruflicher und privater Ebene etwas kennenzulernen. Die Kontakte konnten leider nicht immer aufrecht erhalten werden. Mein Wunsch, meine arabischen Sprachbrocken ein wenig zu erweitern, hat sich nicht erfüllt. Aber: über diese Unterstützung habe ich auch einige interessante gleichgesinnte deutsche Kolleginnen, Kollegen und andere engagierte Unterstützerinnen kennengelernt, die sich u.a. auch für das Erscheinen dieses Buchs eingesetzt haben. Diese Kontakte waren für mich bereichernd und haben mich selbst aktiviert  und bestätigt, weiterzumachen.

Dr. Susanne Amberger

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