Komm doch zum Tee: Sprechen kommt nur durch Sprechen

Die Übungsrunden „Anamnese, ärztliche Gesprächsführung und das Kollegengespräch“ im Rahmen der Aktivitäten des Deutsch- Syrischen Forums für Ärzte

Meine Beschäftigung mit den syrischen Ärzten begann mit der Bestürzung über die Lebensbedingungen und Gefahren, denen sie in der Heimat und auf der Flucht ausgesetzt waren und die Empörung, dass Ärzte und Krankenpfleger so häufig Ziele von Angriffen und gezielter Drangsalierung sind, häufig, weil sie alleine durch ihr medizinisches humanitäres Tun ins Fadenkreuz kommen. Auch habe ich selbst im Ausland die wohltuenden helfenden Hände und Unterstützung der dortigen Bevölkerung schätzen gelernt und möchte gerne etwas davon weitergeben.

2015 stieg ich in das Mentoringprojekt ein und habe neben persönlichen und freundschaftlichen Aktivitäten mit meinen Mentees stets die Fachsprache im angestrebten Fachgebiet und die „100 Fälle in der Inneren Medizin/Chirurgie“ geübt.

Sprache lernt man durch häufiges und intensives Sprechen und nach meiner zehn jährigen Tätigkeit als Kursleiterin im Anamnesekurs der Charité mit dem Einsatz von Simulationspatienten (bezahlte Schauspieler für die jeweiligen Rollen und das Feedback), erinnerte ich mich an das erfolgreiche Format. Wir haben es etwas angepasst, indem wir erst das Anamnesegespräch mit „Patienten“ führen, danach das kollegiale Gespräch mit dem „Chef/Oberarzt“, mitunter sind das schon zwei verschiedene Sprachen.

Was die Gesprächsführung angeht, geben wir relativ wenig Feedback, die Übung ist schon so anstrengend genug. Wenn jemand aber sprachlich sehr gut ist, bekommt er mehr feedback und mehr Korrekturen. Es gibt auch die Möglichkeit, dass die Teilnehmer eine Epikrise schreiben und gleich korrigiert bekommen oder sie uns zur Korrektur zumailen. Wir achten darauf, dass möglichst nicht nur die Sprache korrekt ist, sondern versuchen auch, ein für den Patienten rücksichtsvolles, angenehmes Anamnesegespräch anzuleiten, ohne die Vollständigkeit aus den Augen zu verlieren. Im Kollegengespräch müssen die Ärzte sich zu Differentialdiagnose und den nächsten Maßnahmen äußern.

Dankenswerterweise sind wir eine konstante kleine Truppe (Susanne Amberger, Ines Chop, Uli Kratz-Whan und ich) von motivierten Leuten. Es springen auch immer einmal Andere ein, die die Abende zwar anstrengend, aber sehr interessant und bereichernd finden. Es entwickeln sich meist rege Gespräche, auch persönlicher Art. Viele haben leider im Alltag wenig Gelegenheit Deutsch zu sprechen (da verzahnt es sich mit dem Mentorenprogramm und Alexandras Kulturaktivitäten).

Nicht zu unterschätzen ist auch das Anschauen von Arztserien, z.B. „In aller Freundschaft“, wo im normalen Tempo gesprochen wird.

Die Sprachniveaus sind, alleine wegen der verschieden langen Zeit in Deutschland und persönlicher Umstände (Familie und Muttersprache wird zu Hause gesprochen/ deutsche Freunde, Kursbesuch) sehr unterschiedlich, so dass wir jeden auf seinem Niveau korrigieren und versuchen zu ermutigen.

Zur Sprache kommt auch die Organisation des Gesundheitssystems, zweimal haben wir auf Wunsch der Teilnehmer kurz vor der Kenntnisprüfung auch einen Untersuchungsgang geübt (dazu musste allerdings das moralische Einverständnis der anwesenden Ärztinnen eingeholt werden und „der Patient“ hatte in Russland studiert und war anscheinend nicht mehr so schamvoll). Auch ethische und gesetzliche Fragen wälzen wir, oft im Ländervergleich.

Auffällig sind die Höflichkeit und Rücksichtnahme der Ärzte unter‐ einander (immerhin sind sie ja auch Konkurrenten). Wir alle versuchen, zu allen Prüfungen und Bewerbungen möglichst hilfreichen und ermutigenden input zu geben, auch einmal gänzlich unrealistische Erwartungen zu relativieren.

Zwar sehen wir die Teilnehmer oft über mehrere Treffen, aber selten nach der Fachsprach- respektive Kenntnisprüfung wieder, es beginnt für sie dann eine neue Episode.

Nach unserer Meinung kann man gar nicht genug üben, auch um Aussprache und Sprachmelodie zu verbessern. Am schönsten ist es ja, wenn der Patient den Arzt nicht gerade so versteht, sondern ein natürlicher Gesprächsfluss gegeben ist.

Durch den Corona shutdown sind die Treffen jetzt vorläufig zum Erliegen gekommen, wir haben höchstens einmal ein Einzelcoaching gemacht. Aber die Übungen, obwohl sie durchaus anstrengend sind und hohe Konzentration am Abend erfordern, machen uns allen viel Spaß und wir hoffen, sie bald fortzusetzen.

Neben der Tatsache, dass wir in Deutschland ausländische Ärzte brauchen, möchten wir auch unseren Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeit geben, sich willkommen und unterstützt zu fühlen und sich als Person wohl zu fühlen. Wir halten nichts von Fremdenfeindlichkeit und lernen von unseren Teilnehmern auch immer Neues dazu.

Margarete

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