Komm doch zum Tee: Manchmal wundere ich mich ...

Mich wunderte es, als ich mit einigen ehrenamtlichen Deutschen meine erste Stadtrundfahrt durch Berlin machte, sie so glücklich waren, nur weil die Sonne schien – es war Oktober 2015. In Syrien scheint die Sonne so viel, unbemerkt von uns. Jetzt 2020 kann ich es nachvollziehen, ihre Freude ist mir jetzt klar.

Später wusste ich auch, dass Sonnenlicht eines dieser kostbaren Dinge ist, die ich verloren habe, als ich am 5.8.2015 die syrisch-türkische Grenze überquerte. Es war für mich der ungewöhnlichste Tag: Ich hatte mit vier Freunden meine Mutter, meine Familie, meine Stadt, Universität und Arbeit verlassen..

Ich bin Kurde, stamme aus dem kurdischen Gebiet von Syrien, ein ruhiges, ländliches Stück Erde.

In Syrien habe ich BWL studiert, durch den Krieg nur bis zum 6. Semester, daher leider kein Abschluss. Kurzfristig fand ich Arbeit im Zentrum für Servicestudium und im Kopierladen, was zunehmend schwieriger wurde. Der Krieg erfasste alles. Ständige Explosionen, die hohen Opferzahlen, Verlust von Freunden und Nachbarn nahmen täglich zu. Jeder kennt inzwischen die politische Situation dort und es gab keine Hoffnung auf ein Ende. Wir jungen Männer hatten keine Lösung, nur den Tod vor Augen. Wir haben uns versteckt, um dem Militärdienst zu entgehen.

Die Entscheidung, alles zu verlassen, unser bisheriges Leben, unsere Ziele, fiel uns so schwer, waren wir doch mit unserem Land so sehr verbunden.

In dieser Ungewissheit fanden wir im Grenzgebiet ein Nachtquartier. Es war noch hell in der Stadt, in mir war es dunkel... Später bei Nacht sah ich aus dem Fenster, die Sterne leuchteten und nur ein Gedanke war stark: Ich bin in Sicherheit, aber alle, die noch zu Hause sind, in Gefahr sind, Angst aushalten müssen, habe ich verlassen! Ich blieb wach, Schuldgefühle ...

Der Tag des Abschieds bleibt eingebrannt in meine Seele!

Unsere Handys trugen wir bei uns, aber nur meins wurde eingesetzt, wenn wir uns bei unseren Familien gemeldet haben. Wir haben Skype und Mail benutzt, fühlten uns mit der Welt verbunden – also hatte nur ich als einzige Person die letzte Verbindung nach Hause. Das ist der größte ideelle Wert, nicht der materielle.

Mit Trauer bin ich nun nach Europa gekommen. Meine „Reise“ nach Deutschland über die Balkan-Route dauerte 17 Tage, ich habe kaum geschlafen und war deshalb nicht mit Ruhe und Stabilität gesegnet.

Wir erreichten Passau am 22.8.2015, auch das vergesse ich nicht, weil... die Polizei stand dort, eine Polizistin kam auf uns zu. Inzwischen sahen wir auch aus wie Flüchtlinge und sie sagte ruhig: „Ihr seid hier in Sicherheit, steigt mal in den Bus...“ Wir spürten Solidarität, wir hatten Vertrauen, ein kleines Wunder nach all den Schwierigkeiten auf unserem weiten Weg.

Ankunft in Berlin am 24.8.2015 um 1 Uhr nachts am Bahnhof Südkreuz. Ghassan, ein vor uns geflüchteter Zahnarzt aus Halims Familie lebte mit seiner Familie in einer Unterkunft. Er kam sofort, d.h. nach 2 Stunden, denn nachts dauert es länger durch die Stadt. Die Freude, die Entspannung kann ich nicht beschreiben...Tränen...

Wir warteten 4 Stunden am Lageso mit 60 Personen, um die Papiere zu zeigen und zu sehen, wie es weitergeht. Angst kam auf, als drei schwarze Autos in der Dunkelheit ankamen – aber es waren Helfer mit Decken und wir wurden mit Tee und Suppe versorgt. Das tat gut, in Magen und Herz!

Die Unterkunft in der Colditzstraße für 300 Personen war unser neues „Zuhause“. Gedanken über unser neues Leben kamen schnell, in Deutschland wird ja viel organisiert! Eva hat gleich mit uns Deutsch geübt. Als sie mal selbst zu spät kam, sich dafür entschuldigte, gab es von ihr gleich drei Sätze mit Entschuldigungen! Schon das eine Wort war schwer und machte uns Kopfschmerzen!

Neben Ämtern und Zeiten an verschieden Orten Berlins, die wir pflichtgemäß aufsuchten, gab es bald ein Haus in der Nähe, das uns gefiel. Das NUSZ in der ufaFabrik war ein Willkommens-Ort auch für Geflüchtete: Detlef und das deutsch-arabische Tandem. Er hat den Zugang zu Deutsch als Brücke für Ämter und mehr erleichtert. Sein Freund Pablo kam auch.

Pablo ist ein bekannter Musiker (Gitarrist) und auch Ausländer, das schafft Vertrauen! Er gab ein gutes Beispiel und Hoffnung, sich willkommen zu fühlen, aber auch seine Leistungen zu zeigen und zu verbessern. Da ich und auch meine Freunde oft still und mutlos waren, sagte uns Pablo etwas sehr Wichtiges:

Seht mal zum Fenster raus, jetzt im November steht der große Baum ohne Blätter da. Er wartet mit Geduld auf den Frühling, inzwischen entwickelt er still seine neuen Blätter... So kann man es auch sehen! Seitdem ist am Freitag-Abend: Pablo-Zeit. Er lädt uns zu Tee und Gebäck in sein Haus und wir sprechen in Deutsch über Themen oder Probleme. Das hat uns zu dieser langen Freundschaft verbunden.

Irgendwann kam Alexandra mit, Pablo wollte sie kennenlernen, nachdem wir von ihr erzählten – so entstand auch diese Verbindung... Manchmal spielte er für uns auf seiner Gitarre, es war und ist eine schöne, gemütliche Zeit dort.

Im NUSZ war neben Detlef auch Alexandra. Sie hat Getränke angeboten und gefragt, ob wir mitkommen, um uns Berlin anzusehen und in ein Museum zu gehen. Weil wir das nicht verstanden, half Anas, der alles beobachtete mit einer Übersetzung – gut so, jeder braucht jeden! Es war eine gute Idee, denn im Museum für Islamische Kunst bekamen wir Heimatgefühle. Und wieder wunderte ich mich: Hier haben sie Dinge, die wir kennen und schätzen, das Vertrauen wächst...

Es gab viele Ausflüge, immer hat sie dabei an uns gedacht, nicht für sich, sie kennt ja alles. Sie erzählte aus der Berliner Geschichte (Luftbrücke), denn sie hat das Alter und hat hier den Krieg erlebt, deshalb hat sie soviel Verständnis für uns.

Der Ausflug nach Potsdam ist uns allen noch im Kopf, denn der Park mit den großen, alten Bäumen war das Beste! Ich machte Spaß, weil ich dort bleiben und unter den Bäumen schlafen wollte... ok, nächste Woche hole ich dich wieder ab, kam dann von ihr.

So lernten wir auch Deutsch, nur anders...

Zum beginnenden Winter brachte sie uns Kleidung, so viel, auch zum Verteilen. Aber bitte lieber mehr deutsch lernen, baten wir. Es wurde geübt: Begrüßung und Verabschieden, viele alltägliche notwendige Sätze. Dann kam Berlin ins BERLINALE-Fieber! Sie wollte mit uns das Erlebnis teilen. Das kostenlose Programm wurde in unserer 13-Mann-Bude ausgewählt, damit wir gemeinsam die passenden Filme finden.

Dieser Raum ohne Hoffnung, niemand hat einen gültigen Aufenthalt, keinen Deutsch-Unterricht, keine Arbeit, keine Fortschritte seit Monaten, alle fühlen sich so allein in dieser Situation.

Und wieder wundere ich mich: genau an einem dieser Abende kam ein Anruf von Alexandra, ob wir genug zu essen und zu trinken haben – sie denkt an uns, teilt mit uns die Schwierigkeiten und das gibt’s nur bei ihr und Pablo...

Wir spüren die Unterschiede zwischen den Personen und den Behörden. Menschen wie Detlef, Pablo, Alex und Anja sind ruhig und aufmerksam, Behörden sehr oft unhöflich und ungeduldig.

Sehr erfreulich waren die Stunden bei Lehrer und Lehrerinnen: Anna, Frau Ute, Philipp F. Sie waren trotz der vielen Teilnehmer mit ganzer Kraft geduldig und verständnisvoll. Sie gaben uns die beste Brücke für den Zugang zur deutschen Gesellschaft. Mein Dank an dieser Stelle.

Meine Zeit war hauptsächlich angefüllt mit Deutsch-Unterricht, ich wollte unbedingt eine gute und sinnvolle Arbeit haben. Nach der erfolgreichen B2-Prüfung konnte ich im Pankower Projekt mitarbeiten. Anja leitet dieses Projekt der ehrenamtlichen Geflüchteten, die für geflüchtete Heimbewohner arbeiten. Als ich mich bei ihr vorstellte, begrüßte sie mich mit einem Schmunzeln und freute sich auf die Zusammenarbeit. Diese Aufgabe umfasst den intensiven Kontakt zwischen den Bewohnern und dem Verbindungsbüro Anja R. Die Mitarbeiter sprechen die Sprache der geflüchteten Bewohner und deutsch und können leichter die Bedürfnisse und Möglichkeiten klären, von Arzt bis Schule, vom Antrag bis Wohnung waren die Themen.

Mit der Absicht, viele Erfahrungen im sozialen Bereich zu sammeln, hatte ich auch einen Honorarvertrag in einer Kita, der auch Übersetzungen beinhaltete.

Durch Anja, die mit Erfahrungen und Ideen ihren Einsatz im Projekt perfekt erfüllte, lernte ich viel Neues im Umgang mit Menschen, Behörden und Gesprächsführung.

Mein größter Wunsch war ein Studium im Sozialbereich. Auf Grund der mangelnden Voraussetzungen (kein Abschluss in Syrien) sollte ich keine Zulassung zu einem Studium bekommen. Mehrfach suchte ich die Agentur für Arbeit zur Beratung auf. Beide Bearbeiter, selbst mit Migrationshintergrund lehnten meine Anträge ab. Die Aussagen: Sie sind Ausländer, schwarze Haare, nehmen Sie Arbeit an, die auch keine Freude macht, konnte ich einfach nicht akzeptieren!

Anja stärkte meine Absicht, schrieb Empfehlungen, auch dass ich im sozialen Bereich zuverlässig arbeite und bestens geeignet für ein Studium bin. Fast habe ich die Hoffnung verloren, aber auch Pablo baute mich auf. So sah ich meine letzte Hoffnung, indem ich zum Präsidenten der Hochschule persönlich gehe und wegen der besonderen Situation um Klärung bitte. Bei dem 1. Termin beim Sekretariat habe ich mich einfach nicht getraut zu klopfen. Der 2. Termin verlief ebenso wie der 3. Anlauf...

So habe ich meine Bewerbung mit den Unterlagen, auch der Empfehlung von Anja und der Kita, an den Präsidenten geschickt. Bei einem Anruf wurde mir erklärt, alles befände mich noch in der Bearbeitung, es liegt keine Entscheidung vor.

Am Samstag, 15 Uhr lag im Briefkasten ein großer Brief: ZULASSUNG zur Universität.

Es ist die Erfüllung meines Traumes, auch wenn die begleitende Arbeit und ein Studium viel Arbeit ist. Mein starker Wille, meine Zielstrebigkeit und mein Fleiß haben Anja und andere überzeugt, mich zu unterstützen, mit Hoffnung mein Ziel zu verfolgen.

Wenn ich eines Tages in meine Heimat zurückgehen kann, wird es mir nicht leichtfallen, meine zweite Heimat zu verlassen. Ich habe mich in Deutschland, diesem offenen, grünen Land mit kultureller Freiheit, Toleranz und Akzeptanz sehr wohlgefühlt und werde auch traurig sein...

Youssef

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