Komm doch zum Tee: Durch Mauern aus Butter

Ich bin Herzchirurg. In Rumänien studierte ich Medizin, in Italien schloss ich meine Facharztausbildung ab. Danach kehrte ich in nach Syrien zurück und erfüllte mir einen Traum: Ich gründete in meiner Heimatstadt Aleppo das zweite Herzzentrum Syriens und arbeitete dort als Chefarzt. Ich operierte sogar meinen Vater am Herzen.

Außerdem bildete ich als Privatdozent junge Herzchirurgen aus. So lebte ich 25 Jahre lang mit meiner Familie zufrieden und beruflich ausgefüllt. Aber dann brach der Krieg aus: Teile Aleppos und die medizinische Infrastruktur wurden zerstört.

Bomben trafen meine Klinik und die familieneigene Firma, in der Pharmazeutika produziert wurden.

Ich selbst geriet zwischen die Fronten: Jede Konfliktpartei forderte, dass ich für sie als Arzt tätig werde. Mein Bruder wurde mit mir verwechselt und entführt. Er kam zu unserer Erleichterung unversehrt wieder frei.

Die Zeit drängte, sich den wachsenden Bedrohungen durch Flucht zu entziehen.

Wir fuhren zunächst nach Beirut/Libanon, die Heimat meiner Frau. Von dort wagte ich alleine die Flucht. Meine Familie sollte später nachkommen.

Im September 2014 flog ich von Beirut nach Belgrad. Es ging weiter über Ungarn und Österreich nach Deutschland.

Dort führte mein Weg von Stadt zu Stadt: Chemnitz, Eisenhüttenstadt, Frankfurt/Oder und Berlin-Schönefeld. Die Odyssee endete in Brandenburg an der Havel. Anfänglich lebte ich lange in Flüchtlingsunterkünften. Die Situation dort war bedrückend: Traumatisierte Menschen auf engem Raum, hygienische Missstände sowie die Untätigkeit während des Wartens auf einen Kurs und die Anerkennung meiner beruflichen Qualifikation. Ich vermisste meine Familie und meine Arbeit. Dennoch bewahrte ich sowohl meinen Optimismus als auch meinen Humor und versuchte so meinen Mitbewohner*innen eine Stütze zu sein.

Endlich kam meine Familie in Deutschland an. Die Freude war groß. Wir konnten sogar zusammen in eine Wohnung ziehen.

Als aktiver Mensch wollte ich neben den Deutschkursen meine Zeit sinnvoll verbringen. So ging ich zu Konversationsgruppen für Geflüchtete, um Deutsche kennen zu lernen und mich im Sprechen zu üben.

Ich absolvierte Praktika im Klinikum Brandenburg sowie in diversen Arztpraxen und befreundete mich mit hiesigen Ärzten. Ich nahm Kontakt zur Gruppe deutsch-syrischer Ärzte auf, die von der Berliner Ärztekammer organisiert wird. Dort lernte ich Alexandra kennen, die sich um das kulturelle Programm kümmerte.

Zudem nehme ich viele Gelegenheiten wahr, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen:

- Ich beteiligte mich an der Entwicklung des Integrationskonzeptes der Stadt Brandenburg an der Havel.

- Zusammen mit deutschen Freunden organisiere ich Radoun: eine internationale Kleinkunstbühne, die allen offen steht.

- Vor Studierenden hielt ich an der medizinischen Hochschule in Neuruppin einen Vortrag über die medizinische Situation in Aleppo.

- In Schulklassen berichtete ich über Syrien und das Leben als Geflüchteter.

- Gemeinsam mit meinen Freunden besuche ich Museen, Ausstellungen, Diskussionsveranstaltungen, Kleinkunstfestivals, deutsche und arabische Konzerte.

Inzwischen sind 5 Jahre vergangen.

Anfänglich klang die deutsche Sprache in meinen Ohren hart und unfreundlich. Allmählich entschlüsselte ich die Bedeutung der Laute und vermeintlich ruppige Ansprachen entpuppten sich als Begrüßungen.

Und die Sprache wimmelt nur so von Synonymen !

Auch die vielen, im Alltag benutzten Varianten des Wörtchens "Nein" überraschen mich. Ich mag es.

Es heißt, die Deutschen seien sehr zurückhaltend gegenüber Fremden, sie zögen eine Mauer um sich herum. Doch ihre Mauer ist nur aus Butter. Zaghafte Begegnungen wurden zu Freundschaften.

Da meine Qualifikationen und langjährigen Erfahrungen als Herzchirurg leider nicht anerkannt werden, bereite ich mich nun auf die Fachsprachprüfung vor der Ärztekammer vor.

Meiner Familie geht es gut. Besonders stolz bin ich auf meinen jüngsten Sohn Ali: Er hat das Abitur gemacht und studiert an der TU Berlin. Für meinen geistig eingeschränkten, ältesten Sohn bieten sich Förder- und Arbeitsmöglichkeiten.

Meine Mutter, die in Lyon lebt, hat uns bereits besucht. Wenn wir früh morgens zusammen Kaffee trinken, bevor die Familie aufwacht, ist es in diesem Moment wie früher in Aleppo.

Jamil

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