Komm doch zum Tee: Babylon ORCHESTRA

2015/2016 herrschte eine abenteuerliche Stimmung in Berlin, Europa war sich nicht einig, was mit den Tausenden von (syrischen) Geflüchteten geschehen sollte, Meinungen gingen auseinander, manchmal stritten Familien und Freunde darüber und manchmal fanden sich neue Familien und Freunde zusammen. Mischa (Mischa Tangian) und ich, damals beide in Berlin lebend, gehörten der zweiten Kategorie an, die in den Geflüchteten eine Chance sah für noch mehr Diversität und wachsende Toleranz - und nachdem wir eine Weile überlegt hatten, was wir konkret für die Ankommenden tun könnten, kam uns die Idee eines Musikensembles. Damit wollten wir nicht nur den geflüchteten Musiker*innen eine Plattform für einen Neuanfang in Berlin geben, sondern selbst auch eine (musikalische) Welt entdecken, die uns beiden fremd war. Wir verfassten einen Text, in dem wir zu einem ersten Vorspiel einluden, wir ließen diesen übersetzen ins Arabische und Farsi und fanden in der Evangelisch Freikirchlichen Gemeinde in der Bergmannstr. 22 unseren ersten treuen Verbündeten, der uns großzügig seinen Raum zum Proben zur Verfügung stellte - und so begann das Abenteuer. Zum Vorspiel kamen viele verschiedene Musiker*innen aus verschiedenen Teilen des Nahen und Mittleren Ostens, auch ein paar Europäer*innen mit einem Faible für orientalische Musik und was vorsichtig als Experiment begann, entwickelte sich über die Jahre in ein urbanes Berliner Fusion Ensemble, das europäische und nahöstliche Musik mit dem Sound einer Big Band und eines zeitgenössischen Orchesters verbindet.

Unser Ziel ist, die interkulturelle künstlerische Zusammenarbeit zu fördern und damit den verschiedenen musikalischen Traditionen und Kulturen einen Platz in einer gemeinsamen, neuen und einzigartigen Klangwelt der Gegenwart zu geben. Dafür entwickeln wir ein Repertoire, das die traditionelle Musik des Nahen und Mittleren Ostens mit den musikalischen Kulturen Europas, und speziell urbanen Elementen der Berliner Musikszene in einen Dialog setzt. Somit bringen wir Menschen mit ihren Geschichten, Traditionen, Instrumenten, Rhythmen und Klängen in ein schöpferisches Miteinander und glauben, dass dieser Beitrag auch für ein tieferes Verständnis kultureller Werte wichtig ist – mehr noch: dass dadurch auch in Zukunft Dialoge der Toleranz und des respektvollen Umgangs miteinander entstehen können. Denn dies ist unser zweites großes Anliegen: Eine persönliche Antwort zu finden auf eine sich verändernde Welt mit immensen gesellschaftlichen Herausforderungen, die uns über den Kopf zu wachsen drohen, wenn wir uns nicht richtig mit ihnen auseinandersetzen und Angst schüren könnten, wenn wir diese Aufgaben nur den anderen überlassen.

Mit unserem Projekt versuchen wir für einen lebendigen und zeitgemäßen Transfer zwischen den Kulturen zu stehen. Unsere künstlerische Vision steht gleichermaßen für unsere Werte: Unser Projekt möchte das beste Beispiel für den Dialog zwischen den Kulturen sein und zeigen, dass gemeinsames künstlerisches Schaffen eine Brücke bildet, die einen harmonischen, respektvollen und friedlichen interkulturellen Austausch ermöglicht, bei dem alle Beteiligten voneinander lernen und zugleich einzigartige künstlerische Formen entstehen lassen.

Gemeinsam mit unserem Kooperationspartner, dem Konservatorium für Türkische Musik in Berlin (BTMK), das uns von Anfang an zur Seite stand, konnten wir mehrere sehr spannende Konzertreihen ins Leben rufen, die über die Jahre vom Senat in Berlin gefördert wurden, wofür wir der Stadt Berlin sehr dankbar sind. Oft habe ich mich gefragt, ob unser Vorhaben auch an anderen Orten der Welt solch eine Unterstützung bekommen hätte und auch wenn ich es nicht wissen kann, denke ich, dass es selten eine Stadt gibt, die solch ein soziales und interkulturelles Bewusstsein hat wie Berlin. Wir sehen es auch als unsere Aufgabe, diesen Geist aufrecht zu erhalten und dazu beizutragen, dass es immer mehr Diversität in Berlin, Deutschland und Europa gibt.

Auch verdanken wir den stetigen Erfolg unseres Ensembles unseren Musikern, von denen einige schon seit unserem ersten Jahr dabei sind und die Identität der Gruppe mit beeinflusst haben. Wir haben es mit talentierten, mutigen und flamboyanten Menschen zu tun, die durch ihr Können und ihre Geschichte uns und unsere Umgebung bereichern, in Frage stellen und uns immer wieder dazu aufrufen, über den bequemen Tellerrand zu gucken. Wir sind auch unserem Publikum dankbar, das uns vertraut und sich stets aufs Neue mit uns auf weite Reisen begibt, bei denen wir manchmal selbst nicht wissen, wo diese enden.

Aus diesen besonderen Faktoren ist ein musikalisches Repertoire entstanden, das auch unser Debut-Album prägt, das wir Sommer 2020 veröffentlicht haben. Mit dabei sind u.a. die kurdisch–persische Sängerin Hani Mojtahedy, der syrische Sänger Rebal Alkhodari und außergewöhnliche Solisten wie Osama Abdulrasol (Qanoon), Mohannad Nasser (Oud) sowie Layale Chaker und Maias Alyamani (beide Violine).

Wir danken auch herzlich Dir, liebe Alexandra, die uns von Anfang an so treu zur Seite steht, immer die richtigen Worte findet und uns das Gefühlt gibt, dass wir das Richtige tun.

Sofia Surgutschowa (Mitbegründerin und Managerin des Babylon ORCHESTRA)

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