Komm doch zum Tee: Hilfe von Geflüchteten für Geflüchtete

Eigentlich haben mir die Anschläge von New York ziemlich viel Angst eingeflößt. Um mich nicht so hilflos zu fühlen, hatte ich angefangen, die hocharabische Sprache in einer Sprachschule und der Volkshochschule zu lernen, schließlich mit zwei Sprachkursen auch den Dialekt in Damaskus. Das hat sich als die richtige Strategie herausgestellt, denn ich habe dadurch eine Menge arabischer Frauen und Männer aus allen afrikanischen Mittelmeerländern kennengelernt, die mir die Angst genommen haben, indem sie mir beim Lernen im Tandem durch den Austausch unserer Sprachen helfen wollten. Sie hatten völlig normale Ansichten und haben mich mit ihrer Lebenslust angesteckt, noch mehr zu unternehmen.

Beim Flüchtlingsverein BBZ gab es eine syrische Gemeinschaft, die durch Unterricht und Gruppentreffen ihre Landsleute aus Schwierigkeiten heraushelfen wollte. Hier habe ich auch die junge Syrerin kennengelernt, die mit mir zusammen beim ADFC Vorträge über Radverkehr gehalten hat und bei der Organisation der Verteilung von kostenlosen Fahrrädern an Flüchtlinge geholfen hat. Wir haben in arabischer und deutscher Sprache die Straßenverkehrsordnung und die Tricks zum Überleben im Großstadtverkehr erklärt und anschließend gleich mit den frisch reparierten und übereigneten Fahrrädern draußen ausgetestet. Mit dem gleichen Ziel konnte ich einige Schülerinnen und Schüler aus meinen Integrationskursen begeistern, einen arabischen Text zu übersetzen, den der ADFC Brandenburg für die YouTube-Videos mit dem Thema „Mit 7 Sinnen Rad fahren“ benutzen konnte, mit denen in vielen verschiedenen Sprachen erklärt wurde, wie man sich auf dem Fahrrad verhalten sollte. Die ganze Gruppe von ehrenamtlichen Übersetzern und der syrischen Sprecherin habe ich nach Potsdam gefahren, um dort die Tonaufnahmen in einem kleinen Studio zu machen und anschließend noch die Stadt zu besichtigen. Auf diese Weise hatten wir eine Menge Spaß und konnten ein langwieriges Projekt gemeinsam zum Erfolg bringen.

Natürlich gibt es viele Geflüchtete, die so schlimme Erfahrungen gemacht haben, dass sie sich nicht selber helfen können. Sie kommen mit der neuen Umgebung und Sprache nicht klar und sind von Depressionen geplagt. Gerade für diese Leute ist es wichtig, dass es manche ihrer Landsleute gibt, die ihnen mit ihrer Hilfsbereitschaft und Energie den Weg aus der Bredouille zeigen können.

Während meiner Integrationskurse ist mir aufgefallen, dass viele Geflüchtete die deutsche Grammatik zwar theoretisch gut gelernt hatten, aber kaum Gelegenheit hatten, sie anzuwenden. Deshalb hat mir das Nachbarschafts- und Selbsthilfezentrum (NUSZ) der ufaFabrik schon 2015 einen Raum zur Verfügung gestellt, um dort regelmäßig einen Sprachaustausch zu veranstalten. Also habe ich ein paar Deutsche gesammelt, die arabisch üben oder einfach ein bisschen plaudern wollten und habe die Gruppen aus dem BBZ und die verschiedenen Klassenverbände aus meinen Integrationskurse eingeladen. Auf diese Weise hat sich dank etlicher treuer Ehrenamtlicher ein Sprachcafé entwickelt, in dem alle deutschen und arabischen Interessierten voneinander lernen konnten. Anfangs musste eine Freundin aus meinem Arabischkurs mit mir noch Deutsch-Unterricht in arabischer Sprache geben, weil die meisten noch kein Wort deutsch sprachen, aber inzwischen hat sich das Sprachniveau deutlich gesteigert. Wir hatten Unterlagen in Deutsch, Hocharabisch, syrischem Dialekt und Farsi für unsere typischen Situationen wie Begrüßung, Einladung zu Getränken und Essen, und Erklärung von Familienverhältnissen. Und alle Beteiligten hatten Freude an den verschiedenen Aktivitäten: Radtouren, Besuch von Sportclubs, Tauschring, Ausflüge in Museen und Konzerte, Kochen, Theater und Spiele.

Alle diese Hilfestellungen haben wir gemeinsam unentgeltlich geleistet und hatten dabei eine Menge Spaß und neue Erfahrungen. Viele der Teilnehmenden sind immer noch mit mir in Kontakt und haben sich teilweise auf eigene Faust Projekte gesucht.

Detlef

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