Komm doch zum Tee: Vater – Mutter – Kind

Unser Leben in Syrien vor dem Krieg hatte unsere Träume geheim gehalten wie bei allen jungen Menschen. Mutig, nach unserem Studium, heirateten wir und später mit unserem Sohn, Karam, war das Glück perfekt – das war im Jahr 2010!

Unruhen, Ängste, Verluste im ständigen Wechsel, Diskussionen in den Familien mit dem Ergebnis:

Ich, Malek, ohne Militärdienst, fuhr ohne Zögern in die Türkei, arbeitete in Istanbul und reinigte Behälter in einer Großküche und das nach dem Studium „Agrarkulturen, Landmaschinen“. Wegen des Krieges konnte ich mein Studium nicht beenden.

Ich, Manal, arbeitete nach meinem Mathematik-Studium/Economie als Mathematik-Lehrerin und lebte mit Karam in der Nähe meiner Eltern. Anas, mein jüngerer Bruder war als junger Arzt im Begriff, Aleppo zu verlassen und nach Deutschland zu gehen. Meine Gedanken: Kann ich meine Eltern auch noch allein lassen? Unsere Familie geht kaputt wie all‘ unsere Felder mit Getreide und Brotfabriken. Alles ist durcheinander, Entscheidungen sind schwierig, später…

Später bin ich mit Karam zu Malek nach Istanbul gefahren. Die Lage in Syrien wurde zunehmend schlechter, unklare Fronten, viele Bomben, kein Wasser, kein Strom, Anas war schon weg…

Wir, Malek und ich mit Karam, haben mit viel Mut die Fahrt in Richtung Izmit angetreten, um mit einem Boot nach Griechenland zu kommen. Das hört sich einfach an, nachdem wir auch Geld zusammengelegt haben, aber mit einer Angst rechneten wir nicht: Die türkische Polizei kontrollierte jede Zufahrtstraße zum Meer! Und dort mussten wir hin… zuerst ging ich, Malek und im Abstand ich, Manal mit Karam. Die Polizei sah unsere Eile, rief zum Halten, aber wir rannten. Einer hielt mich fest und war entschlossen zu schießen, ich schrie, Karam sollte zum Vater rennen – da hatte der Türke ein Einsehen mit den Worten: „Hau ab, sehe ich dich hier wieder, knalle ich dich ab!“…ich weiß nicht mehr, wie ich Mann und Kind erreichte, ich brach dort zusammen. Das Schleuser-Boot wartete schon fast voll beladen und wir starteten am 18.2.2016 in Richtung Griechenland, nach 1 Stunde kamen wir an.

Die Weiterleitung nach Idomeni folgte gleich – alles war chaotisch. Wir wissen, dass alle Hindernisse mit Kälte und Regen ohne Schutz, Krankheit, kaum Versorgung in Deutschland im Fernsehen zu sehen waren. Wir waren so erschöpft und dann sehr dankbar, als uns griechische Dorfbewohner in ihrem Haus aufgenommen haben. Karam kam in die 1. Klasse und lernte schnell die Sprache, während unser Antrag zur Einreise nach Deutschland zur Prüfung vorlag. Am 24.1.2017 nahmen wir Abschied von diesen herzlichen Menschen…

In Cloppenburg angekommen, musste Manal sofort ins Krankenhaus. Wir haben im Haus der Caritas ein Zimmer bekommen – die Betreuung war so fürsorglich.

Allerdings war die Unterkunft weit entfernt von Cloppenburg, wenig Bus-Anbindung, ohne Samstag + Sonntag, keine Lernmöglichkeit für uns.

Anas war nach Berlin inzwischen in Aachen an der Uni-Klinik angestellt. Er bat Alexandra um Hilfe, für uns eine Wohnung zu finden, am besten in Hannover! Ich kannte sie nicht, aber ich glaube, sie hat gelacht! Bestimmt aber unsicher, wie sie helfen konnte… Sie sagte ihm wohl: „Wie stellst du dir das denn vor – du weit weg, Familie irgendwo 400 km weg, ich kenne sie nicht und ich bin in Berlin und alt (78!)… ein Abenteuer!!!

Wir warteten auf ein Zeichen, einen Anruf, später hörten wir, dass es in Deutschland schon länger Probleme mit Mietwohnungen gibt. Da nun noch mehr dringender Bedarf war, wäre es fast unmöglich, Wünsche zu erfüllen.

Dann ein Lichtblick: Alexandra hat viele Kontakte, auch in Niedersachsen. Da wir dieses Bundesland nicht wechseln dürfen (Unterlagen, Zahlungen), muss also eine Suche nur dort erfolgen. Tagelange Telefonate nach Wohnungen mit geringer Größe und kleiner Miete, immer weiter weg von Hannover, blieben erfolglos. Inzwischen war sie bei den kleinen Gemeinden gelandet…, die sie durch ihre Freunde dort kannte und durch sie bestärkt wurde. Ihr Anruf bei der Grundschule war erfolgreich: Die Bürgermeisterin war gerade da, sagte bei der Suche zu und schon nach wenigen Tagen stand eine Wohnung in dörflicher Umgebung nahe Hameln zur Verfügung!!!

Alexandras Freunde wohnten sechs km weiter in einem schönen Haus. Sie halfen sofort bei Wohnungsbesichtigung, Jobcenter usw.

Ich, Malek, bin am Sonntag sehr umständlich, weil kein Bus fuhr, vom Dorf nach Hameln gefahren: Rad, von der Caritas geliehen, 15 km zur Bahn in Cloppenburg. Ankunft in Hameln wie bei Freunden, aber zum 1.mal sah ich Jochen und Alexandra, die zur gleichen Zeit aus Berlin kam.

Die Einladung von Jochen werde ich nicht vergessen: Er kannte mich nicht, nahm mich in sein Haus auf, ich konnte dort schlafen, er kochte für uns und am Montag hat er uns überall zu den Erledigungen gefahren – was für ein Freund! Alexandra kannte ich nur von Anas, der mir aus Berlin so viel erzählte (er wohnte bei ihrer Mutter, die damals im Krankenhaus war) und die viele Syrer kannte. Stimmt, sie kann wirklich gut organisieren!

Am Nachmittag fuhr ich zurück. Es regnete, ich hatte das Rad und einen leeren Koffer für den Umzug…und ich kam spät im Heim bei Manal und Karam an und hatte viel zu erzählen…

Die Wohnung wurde inzwischen renoviert, die beiden Jobcenter regelten umständlich Termine und Finanzen, Mietvertrag per Post/Caritas half , aber in Berlin liefen die heißen Drähte zusammen. Zum 15.8.2017 konnten wir von Ermke nach Groß-Berkel ziehen. Auch hier gab es Abschiedstränen, denn die Verhältnisse führen zu Großfamilien. Ein syrischer Bekannter hatte ein Auto, es wurde mit unserer gesammelten Habe beladen und nach ca. drei Stunden standen wir vor der Jahnstr. 13 – aber nicht allein! Jochen und Christine mit Alexandra warteten auf uns – ein schönes Gefühl - Malek hatte nicht zu viel versprochen…

Oben in der Wohnung war ein Willkommen aufgebaut: Decke auf dem Fußboden mit Kaffee und Linsensuppe in Thermoskannen! Geschirr und alle Notwendigkeiten waren vorhanden. Unsere Runde lernte sich schnell kennen, bald waren wir vertraut miteinander. Alexandra, diesmal mit vollem Auto, hatte ein Luftbett, Zudecken, Küchenartikel, Dosen als erste Ausstattung mitgebracht. Wir wurden in den Garten der Freunde eingeladen, bald kamen Möbel von ihnen mit geliehenem Hänger aus dem Haus von Christine, 40 km entfernt, was sie aufgeben wollte. Die beiden hatten sich im Alter kennengelernt und wollten gemeinsam in Jochens Haus leben und so freuen wir uns über die Möbel. Dabei merkten wir die anderen Lebensweisen, Ansichten, die in Syrien nicht üblich sind, aber viel Freiheit bieten.

Inzwischen war auch Karam in der Grundschule angemeldet: Alexandra und Jochen hatten es mit Vollmacht für uns vorher erledigt. Die Frage war nur, in welche Klasse sollte er kommen? Wegen der Sprache wäre die 1. Klasse sinnvoll, aber er hatte sie in Griechenland schon, dann in jetzt nach den großen Ferien in Groß Berkel noch einmal? Ich bin selbst Lehrerin, kenne Karam als aufmerksames Kind und habe daher die Rektorin und die neue Klassenlehrerin überzeugt, ihn in die 2. Klasse gehen zu lassen und das mit Deutsch-Nachhilfe. Das war eine glückliche Lösung – alles lief bestens. In den ersten Ferien hat Karam sein „Seepferdchen“ geschafft – schwimmen macht Spaß.

In den ersten großen Ferien waren wir zu Besuch bei Alexandra in Berlin. Wir wohnten alle zusammen in ihrer kleinen Wohnung. Gute Stadtaussichten gab's im Doppeldecker-Bus oben, im Naturkunde-Museum und besonders schön war es auf der Pfauen-Insel. Ein Pfau hat Karam den Apfel geklaut – das war ein verrückter Moment!

Frau Regine Buhl arbeitet in der Schule als Familienbegleiterin. Sie hilft praktisch, ist fürsorglich und hat immer hilfreiche Tipps. Sie ist gern bei uns und wir auch bei ihr, sogar zur Silberhochzeit! Wir waren sehr stolz.

Deutsch ist wichtig! Leider mussten wir auf einen, nein zwei Schulplätze am Vormittag länger warten, denn wir wollten gemeinsam während Karams Schulzeit gehen. Auch das klappte… ja, wir waren fleißige Schüler! Alle Kurse haben wir bestanden, auch B2. Was nun? Ausbildung mit 36 Jahren? Arbeit? Welche Richtung?

Langsam lernten wir unsere Nachbarn kennen, sie waren sehr freundlich. Eine alte Dame half gern bei Deutsch mit Kaffee im Garten, sogar zum Geburtstag wurden wir eingeladen.

Bald ging Karam in den Sportverein, Malek half mit. Irgendwann gab es Räder, dann ging's gemeinsam mit anderen auf Tour! Schön, dass Manal auch mitfährt.

Manchmal kam Alexandra ein paar Tage zu Besuch zu uns. Ich, Manal, koche gern und auch gut, es schmeckte und wurde gelobt, wenn viele bei uns waren: Jochen, Christine, Regine Buhl und Eman, die ägyptische junge Ärztin (sie ist jetzt auch in der syrisch-deutschen Ärztegruppe). Neben meinem Beruf liebe ich das Kochen so, dass ich überlegte, vielleicht mal ein kleines Lokal/Imbiss zu eröffnen, mal sehen…

Ein Freudenfest für uns alle war, als Anas zu Besuch aus Aachen kam. Das Wiedersehen mit Alexandra nach so langer Zeit war spürbare Freude. Später, als Anas verheiratet war, besuchten uns beide, danach zogen sie nach Koblenz zur neuen Arbeitsstelle von Anas.

Aktuelles

Vater, Mutter Kind haben sich eine gute Umgebung geschaffen. Mit freundlichen Menschen in der Nähe, etwas Sport, gemeinsames Radeln und den bisherigen beruflichen und schulischen Erfolgen leben sie in der Nähe von Hameln ruhig im Grünen.

Karam hat es ins Gymnasium geschafft, mit Start Ende August 2020.

Vater Malek die Liebe zu Zahlen und IT-Bereich behalten und hat die Möglichkeit zur Ausbildung zum Fachinformatiker.

Mutter Manal besucht den Sprachkurs C1 und möchte in ihrem abgeschlossenen Mathematik/Economy-Studium eine passende Arbeit suchen. Auch wird eine private Nachhilfe-Schule angedacht, in der Mathematik in arabischer und deutscher Sprache bis zum Abitur erklärt wird. Es gibt in Berlin ein gelungenes Projekt.

Malek

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