Komm doch zum Tee: Damals und heute

Nour, 36 Jahre alt, aus Qamischli/Nord-Syrien, Kurde

Seit 2014 bin ich verheiratet, erlebte den Krieg mit immer stärkerer Gewalt, ohne Aussicht auf angstfreie Zukunft. Meine Militärzeit war von Mai 2010 bis 1. Januar 2012 und wir wussten alle, in Kürze würden wir als Reservisten in den aussichtslosen Kampf ziehen müssen. Wir erlebten Grausamkeiten, Mangelversorgung, aber am schlimmsten waren die täglichen Nachrichten über eine Zukunft, die nur noch schlimmer als der tägliche Krieg und Verfolgung vor der Tür stand.

Meine Freunde Halim, Youssef, mein Bruder Khalid und ich haben, nach Beratung mit unseren Familien, im Juli 2015 die Flucht angetreten, nachdem wir wussten, dass uns das Militär suchen würde – es gab Kontrollen. Jeder von uns hat sich noch nie von seinen Familien mit diesen Gedanken von Unsicherheit, Verzweiflung und Schlimmeres verabschiedet…und meine Frau war schwanger. Wir konnten nur laufen, weil wir zusammen den Mut der Hoffnung hatten, dass wir uns in Sicherheit wiedersehen würden. Jetzt weiß ich, dass ich es ein zweites Mal nicht schaffen würde, so verzweifelt waren wir jeden Tag und viele Nächte…

Der Fußweg führte über die Türkei nach Griechenland (zwei Tage Gefängnis), teilweise mit dem Bus bis Mazedonien, mit Zug nach Serbien, Heim zwei bis drei Tage, mit Bus zur Ungarn-Grenze, Festnahme durch die Polizei. In Budapest lebten wir auf der Straße wie Tiere, wurden beschimpft, was war aus uns geworden…

Es gab dann für Übernachtungen etwas Geld, aber niemand hatte ein Bett für uns! Ein Kleinbus brachte uns nach Passau, wieder sind wir gelaufen bis zur erneuten Festnahme und Kontrolle. Nach einer Notunterkunft konnten wir den Zug nach Berlin nehmen, der um drei Uhr morgens ankam. Ghassan, Familie von Halim und geflohener Zahnarzt ging mit uns gleich zum LaGeSo. Wir 4 kamen in die Colditzstraße mit zwei anderen im Zimmer für einige Monate. Die Unterkunft war so voll, dass wir dann mit 13 Männern in einem Zimmer schliefen.

Neben der Bürokratie, die wir allein nicht bewältigen konnten, waren deutsche Helfer gleich bereit, Formalitäten zu erledigen. Ehrenamtliche wie Eva (Lehrerin/Volkshochschule) und Anna, die deutsch im Unterkunft vermittelten, waren in der ufaFabrik Detlef und Alexandra.

Um aus der Unterkunft zu kommen, nahmen wir an den Gelegenheiten für Deutsch-Arabisches Tandem mit Detlef teil, eine bunte Runde mit vielen Menschen in der ufaFabrik, sehr gesellig und mit guten Hinweisen.

Alexandra hatte viele Ideen, um Berlin kennenzulernen, also Führungen mit Museumsbesuchen, sogar zur Berlinale, in Parks, nach Potsdam, damit man in der Natur gemeinsam laufen und reden konnte. Sie ist auch in der deutsch-syrischen-Ärzte-Gemeinschaft und wir treffen auch so ganz andere Leute mit anderen Themen. Aber wir Kurden bleiben doch meist zusammen…

Durch das Telefon habe ich immer erfahren, wie es meiner Familie geht. Meine Frau war Lehrerin und wohnte nach meiner Flucht bei ihren Eltern sehr beengt, kein Schrank, kein Rückzug, schwanger, musste vom Gehalt von 50€ das Krankenhaus mit 80€, Telefon 5€ bezahlen und den Eltern etwas abgeben und gleichzeitig später das Baby versorgen…wie konnte ich helfen? Ich habe ständig die Sorgen im Ohr, soll lernen, kaum Perspektive…zum Verrücktwerden!

Dazu kam, dass meine Frau wusste, dass sie einen Kaiserschnitt bekommen würde, sie hatte Angst davor, weil dort jetzt viel Unruhe ist, viel zerstört wurde, wird alles sauber sein?

Ich wusste auch nicht, ob mir meine Frau aus Rücksicht alles erzählt…ob mit dem Baby alles in Ordnung ist?

Weihnachten ist in Deutschland ein Fest der Familie. Aber dass alles in der Stadt Berlin so bunt leuchtete und die Menschen so viel kauften, Musik spielte und überall nur davon und das wochenlang gesprochen wurde, hat uns gewundert.

In dieser Zeit gibt es überall viele Weihnachtsmärkte. Auf einen besonders schönen wollte Alexandra ist mit uns fahren: Schloss Charlottenburg. 25.Dezember 2015, als wir im Park waren, klingelte mein Handy und ich sah:

MEIN BABY – ich sagte es ganz leise, verzaubert, konnte nichts mehr sagen…

Alle staunten, freuten sich, Tränen der Rührung liefen – und ich war nicht bei meiner Frau und meinem Kind… ich kam mir so schlecht vor, stand meiner Frau nicht bei, sorgte nicht für sie, wo sie mich jetzt brauchte… was wird aus ihnen. Wie geht es bei mir weiter, wann kann ich den Antrag auf Familien-Zusammenführung stellen? Wann kann ich Deutsch-Prüfungen machen, um bald zu arbeiten? Jeder von uns hat so viele Probleme, dass ich ihnen nicht auch noch meine Sorgen aufladen kann. Die Deutschen verstehen uns, können aber nichts ändern. Es sind so viele Flüchtlinge in so kurzer Zeit, dass das Personal es nicht schaffen kann – das ist zurzeit das größte Problem!

Als der Winter kam, wurden wir mit Spenden versorgt, Alexandra organisierte viel. Wir wollten dafür auch helfen und es gab eine Wohnungsräumung von so vielen Dingen, die wir stundenlang schleppten – unglaublich. Es schneite viel, war glatt, es war eine Last – aber wir wollten zeigen, dass wir stark sind und höflich.

Nach ca. 6 Monaten kam Pablo zum Detlef-Tandem. Pablo ist ein berühmter Gitarrist, auch mal geflohen und hatte viel Verständnis für unsere Situation. Er lud uns freitags in sein Haus zu Gesprächen mit Tee und Gebäck.

Das Thema Behörden war für uns unverständlich: Wir hatten alle einen syrischen Pass, aber durch einen Fehler des LaGeSo wurde man für „ungeklärt“ bezeichnet und hatte dadurch viele Nachteile, auch Zeitverlust, um zu lernen. Kein Schreiben half, um etwas zu erfahren, zu ändern, das Wort WARTEN war das schlimmste und häufigste, was wir hörten! Irgendwann zogen wir in eine andere Unterkunft, nur Halim und ich.

Wenn wir nicht immer wieder mit den Deutschen, die langsam zu Freunden wurden, Gemeinsamkeiten spürten, hätten wir aufgegeben… Kleine Freuden mit dem Babylon Orchestra, im Botanischen Garten und Feste im Britzer Garten hielten uns aufrecht. Dort trafen wir auf eine andere Gruppe Geflüchteter mit Deutschen. Wir wussten, dass Stefan und Nanni mit ihren Helfern viel geleistet haben. Und später hörten wir, dass Nanni viel zu früh gestorben ist. Wir waren sehr betroffen, gab es doch auch hier Leid so nah… Ich spreche nicht viel über meine Gedanken…wurde dann krank, wollte nur schlafen, wurde noch dünner… Halim versuchte, mich zu stärken, er war ja selbst fast am Ende…

Eine gute Nachricht habe ich am 21.11.2016 erhalten: Aufenthalt für drei Jahre, aber weiter subsidiärer Schutz, d.h. kein Familien-Nachzug! Schlechte Nachricht!

Mit Halim konnten wir eine kleine Wohnung mieten. Halim hat eine teilweise Beschäftigung und geht zur Uni, weil seine Lehrertätigkeit dies verlangt.

Die Bestimmungen wurden geändert, der Familien-Nachzug wurde ausgesetzt!! Erst 2018 sollte neu verhandelt werden. Als nach der Bundestagswahl alles offen war, gab es im März 2018 Demonstrationen vor dem Reichstag:

Alles blieb ruhig, viele unserer Freunde waren dort, auch Pablo und Alexandra mit ihren 79 Jahren – es war ihre 1. Demo, sagte sie! Ab 1. August 2018 sollten die ersten Anträge gestellt werden, nur 1000 Personen pro Monat für ganz Deutschlang dürften kommen. Das wird ein Wettlauf, alles muss perfekt an Unterlagen an die Deutschen Botschaften im Ausland geliefert werden.

Die Stimme meiner Frau war am Telefon nicht wie sonst, sie hatte keine Hoffnung mehr nach all den Vertröstungen. Der Druck, auch der Familie, wurden zunehmend stärker mit den Ängsten im Land, es gab weitere Kämpfe, derart kraftraubend, dass sie an Selbstmord dachte. Verzweiflung überall, kein Vertrauen in den Aussagen von mir…aber ganz sicher war ich ja auch nicht mehr!

Da ich seit Sommer 2018 eine Ausbildung begann, waren meine Chancen höher. Wie hoch, wann mein Antrag angesehen und entschieden wurde, wusste niemand… Hoffen und Bangen nicht nur bei mir, sondern bei so vielen Kurden und Deutschen, sie gaben mir durch Gespräche Kraft zum Durchhalten und Trösten meiner Familie.

ES WAR SOWEIT: Meine Frau konnte zur Deutschen Botschaft nach Erbil.

Sie wollte während der Wartezeit der Visa noch mal zurück, um Sachen zu holen, es war schwierig, denn die Grenze zum Irak/Erbil wurde streng kontrolliert und sie verlor den Mut, mit Kind illegal wieder zum letzten Mal die Grenze zum Irak zu passieren – aber sie musste die Pässe mit Visa von Erbil holen und von dort fliegen… Mit Hilfe der Verwandten ist es gelungen… ich konnte lange nicht schlafen – jeder weiß es!

Am 5. Oktober 2018 war der schönste Tag in unserem Leben.

Zum ersten Mal konnte ich meinen Sohn Adam in den Arm nehmen und meiner ersehnten Frau für ihr Vertrauen an unsere Liebe danken!

Meine Familie in Berlin und Erlangen und Freunde haben gefeiert – erst auf dem Flughafen, dann zu Hause… die Freude war unbeschreiblich!

Gemeinsam werden wir unsere Freuden und Sorgen erleben, die Ängste werden langsam durch Erfolge zurückgedrängt… warten haben wir gelernt! Wir spüren die Freude der Deutschen für uns, wenn wir uns sehen, ich habe Vertrauen in eine gemeinsame Zukunft.

Nour

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