Komm doch zum Tee: Jugendliche Flüchtlinge ohne Begleitung

Ich, Sabine, 52 Jahre, von Beruf: Kunst- und Kreativtherapeutin,Heilpraktikerin für Psychotherapie, bin in 2016 überraschend gefragt worden, ob ich die Leitung eines jeweils „6-wöchigen andauernden Deutschkurses“ übernehmen würde?

Mit welcher Altersgruppe würde ich vor Ort arbeiten?

Die Antwort lautete dann:

„Diesen Kurs werden jugendliche Flüchtlinge ohne Begleitung (im Alter von ca. 11 – ca. 16 Jahren diese waren über das Meer gekommen, ohne Ihre Eltern) besuchen“.

Es gab hierzu auch Nachfragen von älteren Interessierten.

Allerdings funktionierte die „Kommunikation“ zwischen den Jüngeren und Älteren nicht gut, sodass es bei der vorher bestimmten Altersgruppe blieb.

Ausgebildete Deutschlehrer unterrichteten am Vormittag in unterschiedlichen Niveaustufen.

Je nach früherer schulischer Vorbildung (Analphabet - der seine eigene Muttersprache nicht lesen oder gar schreiben konnte) oder ob derjenige bereits eine andere Sprache (z.B. Englisch) als seine eigene Heimatsprache erlernt hatte, sind die Kinder und Jugendlichen dann in die jeweiligen Deutschkurse eingegliedert gewesen.

Des Weiteren hatte es vor Ort die folgenden Angebote nach Beendigung des Deutschkurses (freiwillige Teilnahme), am Nachmittag gegeben:z.B.

- Beatboxen (eine Art Rappgesang ohne Text – sondern mit dem Mund gemachte „Musik“);

- Lieder wurden einstudiert – zum Erlernen und der Festigung der deutschen Sprache;

- Theaterinszenierungen geprobt – ebenso zum Erlernen und dem Festigen der deutschen

Sprache.

Nach dem jeweils sechswöchigen Deutschkurs ist eine Theaterinszenierung aufgeführt worden. Bei diesen Aufführungen kam es immer wieder zu sehr bewegenden Augenblicken – es wurde u.a. in Gedichten und vorgetragenen Liedern der Heimat der verlassenen Familien gedacht, alle Anwesenden waren sehr tief berührt;

- Specksteine gestaltet;

- Graffiti gesprayt,

um nur einige der Angebote hier zu nennen.

Auch bei diesen nachmittäglichen Angeboten war das Interesse vor Ort dabei zu sein, sehr groß.

Die Kommunikation untereinander, mit mir als der Leitung bzw. den Lehrern / Lehrerinnen vor Ort war anfangs eher lustig als verständlich. Glücklicherweise waren Dolmetscher von Anfang an dabei, die geholfen hatten, die sprachlichen „Missverständnisse“ zu überbrücken.

Leider konnten wir nicht alle interessierten Schüler und Schülerinnen, aufgrund der hohen Nachfrage, in die bis zu vier zeitgleich stattfindenden Deutschkurse, aufnehmen.

Im Durchschnitt besuchten ca. 30 Schüler und Schülerinnen den Deutschkurs.

Glücklicherweise meldeten sich auch Mädchen an, die auf diesen Kurs aufmerksam gemacht worden waren.

In diesen Kursen bekamen sie die gleichen Chancen, unsere Sprache zu erlernen und sich in einem freieren Umfeld zu entwickeln, wie die Jungen vor Ort.

Alle sind gleich behandelt worden.

Das Thema Gleichberechtigung war immer wieder ein Gesprächsthema:

Wie ist es hier in Deutschland mit Männern und Frauen?

Was dürfen die Frauen hier tun und was nicht?

Wie sollen wir das machen?

Wie können wir ein Mädchen bzw. einen Jungen nett ansprechen?

Was dürfen wir nicht tun?

Es hatte sich ziemlich schnell herum gesprochen, dass der Deutschkurs sehr gut ist und vor allem auf den Einzelnen eingegangen wurde.

Vor Ort galten u.a. die folgenden Regeln, die ich für mich und die Gruppe entwickelt hatte:

1.) kontinuierliche Pünktlichkeit

2.) ein freundlicher, respektvoller und höflicher Umgang miteinander, das hatte für alle Anwesenden vor Ort gleichermaßen gegolten

3.) ein respektvoller Umgang mit den Lehrern und Lehrerinnen und vor allem der Leitung des Deutschkurses und den Dozenten der nachmittäglichen Angebote (s.o.) und der Leitung der Institution und der Mitarbeiter*innen vor Ort

4.) Akzeptanz der sehr unterschiedlichen Kulturen der einzelnen Herkunftsländer (ein großer Anteil der anwesenden Kinder und Jugendlichen kamen aus Syrien, Afghanistan; einige wenige Kinder kamen aus Eritrea)

5.) Mädchen und Frauen vor Ort werden geachtet und mit ausgewählter Höflichkeit behandelt

6.) andere vor Ort arbeitende Kräfte (die Dolmetscher, die Köchin, die Unterstützenden in der Küche, und andere Fachkräfte) werden geachtet

7.) es wird auf die Lautstärke vor Ort geachtet (das klappte zeitweise richtig gut!)

8.) jede Religion wird geachtet.

Die Grundprinzipien dieses Angebotes waren das Erlernen der deutschen Sprache in Wort und Schrift. Das sich integrieren in eine ihnen fremde Kultur gehörte auch mit dazu.

Der tagtägliche Umgang miteinander (Montag bis Freitag) vor Ort, während des Unterrichts, des Mittagessens, der nachmittäglichen Angebote.

Und das Erlernen des Umganges von Jungen und Mädchen in einer für sie sehr schwierigen psychischen Belastungssituation und zudem noch in der Pubertät, die Eltern und Familien weit weg im Heimatland.

Es ist immer wieder sehr bewegend für mich gewesen, mich in der Rolle einer „Mutter“ für die ganze Gruppe wieder zu finden.

In den einzelnen Gesprächen mit den Jungen und Mädchen sind mir auch sehr schlimme Dinge (wie z.B. mit den Kinder und Jugendlichen unterwegs umgegangen worden war, ohne Schutz und Hilfe durch andere Personen) anvertraut/ berichtet worden.

Glücklicherweise hatte es zu diesem Zeitpunkt bereits psychotherapeutische Angebote in Berlin gegeben.

Alle diese Kinder und Jugendlichen waren psychisch sehr stark belastet:

Die Eltern hatten sich stark verschuldet (ihren Viehbestand verkauft, Schulden aufgenommen) um ihren Kindern ein schöneres und würdigeres Leben zu ermöglichen.

Die Kinder und Jugendlichen erzählten mir von ihren Ängsten, die Familien nie wieder zu sehen, den Wünschen der Eltern nicht zu entsprechen.

Die Zeit vor Ort im Kontakt mit diesen immer sehr herzlichen Kindern und Jugendlichen hat mich sehr tief berührt und mir klargemacht, dass es wichtig ist, jedem eine gute Basis zu geben und ein Stück seines Weges zu begleiten.

Auch noch einige Jahre nach Beendigung der Kurse hatte ich eine zeitlang einen engen Kontakt zu vereinzelten Gruppen.

Einige haben inzwischen Ihren Schulabschluss gemacht, andere bereits eine Berufsausbildung begonnen.

Und andere dieser Gruppe sind in ihre jeweiligen Heimatländer zurückgekehrt.

Es war für mich eine sehr wichtige und schöne Erfahrung. Diese Zeit war für mich sehr wertvoll und berührend.

Diese, meine Geschichte in der Arbeit mit den jugendlichen Flüchtlingen habe ich aufgeschrieben, da mich Frau Alexandra Horn aus der ufaFabrik, hierzu angesprochen hatte.

Möglicherweise hätte ich sonst nie den Mut und den Wunsch gehabt, anderen Menschen von diesen mir sehr wertvollen Erfahrungen zu erzählen.

Sabine

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