Komm doch zum Tee: Mit stiller Kraft

In Damaskus bin ich im April 1977 geboren, unsere Familie ist mit vielen Kindern sehr groß.

Nach sieben Schuljahren habe ich mit 15 Jahren angefangen, in der Galvanik zu arbeiten, ein harter, gefährlicher Beruf.

Durch jahrelange, andauernde Kriegsereignisse habe ich im September 2014 meine Heimat, meine Eltern und alle Familienmitglieder verlassen. Ich musste leben, auch um meinen Eltern vielleicht zu helfen, wenn ich in Deutschland bin.

Körperliche Kraft und mein starker Wille halfen mir, die ständigen neuen Herausforderungen der Flucht zu bewältigen. Trauer und Angst konnte ich mir nicht leisten; die Gefahren waren meine Begleiter, sie hielten mich wach!

Wie lang und schwierig mein Weg sein würde, ahnte ich nicht, ständig neue Wege, Pläne, Unsicherheiten, Forderungen, viele Länder, hier zeigte sich meine stille Kraft!

Über Libanon, Flug nach Algerien, Auto nach Tunesien bis Libyen. Im Boot für 150 Personen, aber 300 waren drin, schaukelten wir 15 Stunden über das Mittelmeer… ich möchte es so gern vergessen, aber immer wieder fällt es mir ein: diese erdrückende Enge als wir direkt an den hämmernden Maschinen saßen, die mit betäubender Lautstärke auch noch das heiße Öl auf uns verteilten – 15 Stunden lang bis fast zum Wahnsinn! Es nahm uns irgendwo ein großes Schiff auf, das auch noch fünf weiteren Booten half und nach 30 Stunden in Sizilien anlegte. Es war so grauenhaft…

Als wir aussteigen konnten, wurden ich und mein Bootsnachbar gleich gefragt, ob wir Mechaniker sind, weil wir so dreckig mit Öl verschmiert waren und gestunken haben – wir waren froh, als wir neue Kleidung bekamen!

Überall trafen sich Geflüchtete, besonders viele Syrer, zur Weiterfahrt. Nach Sizilien war Mailand der nächste Anlauf-Punkt. Dort sollte ein LKW nach Dänemark mit 10 Leuten fahren – falsche Idee – Gruppe hat sich aufgelöst…

Danach war ich dort eine Woche allein, sammelte meine Kräfte… und ich war im Zug nach Nizza… oh, das war so schön, mal Luft geholt. Aber weiter ging es nach Paris! Was für eine Stadt – davon träumen alle! Aber ich will nach Deutschland, Berlin…

Rückblickend spürte ich die Anstrengung aller Tage und Nächte, Verluste, Ängste, Sprache?? Ich habe den großen Weg über Westen genommen, die Balkanroute war schon voll…

Beim Eintreffen in Berlin am 25.9.2014 war ich dankbar, alles geschafft zu haben. Dabei musste ich lächeln, weil ich sogar Paris und mehr gesehen habe, aber niemand weiß, wie es mir überall dabei ging…allein, nur Arabisch, nur ganz wenig Geld und das brauchte ich für Fahrten: Flug, Boot/Schleuser, Bahn, alles Andere gab es nur minimal. Ich war ziemlich am Ende!

In Berlin angekommen, am 25.9.2014, konnte ich in eine Unterkunft, dann für Geflüchtete einfaches Hotel, drei Monate im Wedding und Zehlendorf… meine Kräfte und Zuversicht sind wieder gewachsen.

Das BBZ mit Walid (bei Helfern und Geflüchteten als gute Adresse bekannt) vermittelte die Unterkunft in Marienfelde. Nach einem Jahr kamen zwei meiner Brüder – welche Freude!!! Im Januar 2016 ging ich in die ufaFabrik/NUSZ zum Deutsch-Arabischen-Tandem, Sprachcafé mit Detlef, der auch Arabisch sprach. Es war ein guter Start mit vielen Syrern und Deutschen. Die deutsche Helferin Alexandra vermittelte nicht nur Deutsch, sondern half materiell und hatte gute Kontakte.

Es ging bergauf: Nach vier Monaten hatte ich Arbeit und habe sie seit April 2016 noch und eine kleine Wohnung. Um besser Deutsch zu lernen, ging ich auf den Flohmarkt nahe dem Heim und fragte nach den Namen der Gegenstände!

So verstand ich bald viel, konnte es aber nur schwer aussprechen und gar nicht schreiben, da ich nur Arabisch gelernt habe. Einen Deutsch-Kurs zur „Alphabetisierung“ habe ich zwar besucht, konnte wegen meiner Arbeit nicht ausreichend lernen und ging deshalb zu den verschiedenen Sprach-Cafés.

Das ist eine sehr gute Möglichkeit, denn dort trifft man am Abend viele unterschiedliche Menschen, auch Deutsche, die uns helfen…

Ich war und bin gut beschäftigt: Bei der ufaFabrik/NUSZ gibt es mit Alexandra deutsche Gespräche und Ausflüge, auch in Museen und zu Musikveranstaltungen, sogar Tagesfahrten in andere Städte – auch dort könnte man leben. Durch gemeinsame Aktionen mit anderen Gruppen habe ich inzwischen viele Bekannte und einige Deutsche (Dörte hilft geduldig mit viel Kenntnis der Wohnungssituation, Ulla hat Theater-Pläne).

Ein lustiger Tag war mein 42. Geburtstag, zu dem ich auch einige Deutsche eingeladen habe. Meine Brüder haben gekocht, ich war sogar etwas aufgeregt, wie es wird, ob Platz genug ist, ob es allen schmecken wird. Es klingelte, es kam noch ein Gast, sogar zwei: Gabi und Alexandra hatten auf der Treppe ein Kofferradio mit arabischer Musik an, das gab Stimmung!!! Dörte und ein Paar, Ulla und alle waren gleich fröhlich und es wurde ein herrlich bunter Abend…

Jeder ist für mich gekommen, ich war später mit meiner stillen Freude nicht allein, meine Brüder blieben lange bei mir…

Und noch ein Fest war besonders schön: Alexandras 80. Geburtstag!

Gemeinsam mit ihrer Familie und Freunden waren auch einige Syrer eingeladen. Es wurde gelacht, gegessen, getanzt, Alles war so friedlich und Alexandra ist gar nicht so alt!

Weil ich hier von vielen Deutschen Hilfe bekam, möchte ich gern DANKE sagen und helfe ihnen auch: Wohnungsräumung bei einer alten Frau, Kelleraufräumen und Transport zur BSR bei Alexandra. Anschließend waren wir am Zoo bei ganz Armen und Kranken, um Vieles für sie anzugeben. Dabei hatte ich das schöne Gefühl, ich kann auch helfen, es war gut für mich.

Eine schöne Situation war im Britzer Garten mit der alten Freundin Inge von Alexandra. Es ist ziemlich schwer, den Rollstuhl zu schieben – aber ich war ja da und für mich ist es leicht!

Ich arbeite hart und lebe gern in Berlin. Am Abend denke ich viel an meine Mutter in Syrien, ich rufe sie öfter an, dann habe ich Sehnsucht…nach der Familie, dem Leben auf der Straße mit Freunden…aber es ist nicht mehr wie damals… dann bin ich nicht so stark… hoffentlich kann ich sie wiedersehen.

Eine große Freude war bei uns: Mein Bruder, 30 Jahre alt, arbeitet als Koch und hat jetzt geheiratet. Mein kleinerer Bruder ist in der 11. Klasse und bekommt eine Ausbildung als Maler. Das sind gute Aussichten für unser neues Leben.

Mein großer Wunsch ist die „Niederlassungs-Erlaubnis“, die ich nun nach 5 Jahren Aufenthalt hier beantragen möchte. An den Voraussetzungen, der deutschen Sprache, arbeite ich jetzt verstärkt.

Mein ganz persönlicher Wunsch ist eine liebe Frau an meiner Seite. Ich bin sicher, sie zu finden…

Alle, die mich kennen, würden sich mit mir sehr freuen. Anerkennung spüre ich bei Einladungen, Hilfen und ihrem Vertrauen, dafür bin ich sehr dankbar. Sie sagen, ich bin immer freundlich und pünktlich, nie laut, ist das „sympathisch“?

Ich glaube, mit meiner stillen Kraft kann ich gut leben und überzeugen.

Sami

© 2021 Nachbarschafts- und Selbsthilfezentrum in der UFA-Fabrik e.V. - Impressum - Kontakt - Datenschutz