Komm doch zum Tee: Als einer der ersten

Als einer der ersten syrischen Schüler war ich mit meinem Bruder und Sara bei Lothar, dem Mathe-Lehrer (NUSZ/ufaFabrik). Aber was war vorher?

Meine nicht sonderliche Kindheit begann in Syrien. Sie ist bereits wenige Monate nach meiner Geburt schwer und bitter geworden. Ich hatte immer das Gefühl, einsam zu sein, obwohl viele Leute um mich waren, auch davon, die mich gemocht haben. Trotzdem fühlte ich mich immer allein und mehr noch: die ganze Welt ist gegen mich! Doch ich wusste, dass Gott mich nicht vergisst und dass er wusste, was ich fühlte und hat mir in vielen Situationen sehr geholfen. Zum Beispiel hatte ich einmal, als ich allein gelebt habe, weder Essen, noch Geld zuhause. Ich bin hungrig rausgegangen, um zu laufen und den Hunger zu vergessen und habe, direkt, nachdem ich das Haus verlassen habe, Geld auf dem Boden gefunden, mit dem ich dann Essen kaufen konnte. Man kann es für Zufall halten, doch für mich war es keiner, denn es war nicht das einzige Mal, wo Gott mir geholfen hat.

Trotz Allem, was passiert ist, hatte meine harte Kindheit nicht nur Nachteile. Ich habe Vieles daraus gelernt, z.B. selbstständig, geduldig und optimistisch zu sein. Und das hat mir sehr geholfen, wieder aufzustehen und stark im Leben zu sein.

Dann kam der Krieg. Ich konnte nicht mehr zur Schule gehen, weil das Gebiet von Scharfschützen gesperrt wurde und sie auf alles geschossen haben, was sich bewegt hat. Der Krieg dauerte viele Jahre und ich war komplett am Ende mit den Nerven. Es wurde irgendwann zur Routine, dass Bomben ständig fielen… Irgendwann passierte es, dass Bomben neben unserem Haus, nur ein paar Meter entfernt, explodierten und ich schon daran geglaubt habe, dass es noch schlimmer wird – doch es war noch nicht meine Zeit zu sterben.

Wenige Jahre später wollte mir mein Onkel helfen, für die neunte Klasse zu lernen, um einen Abschluss zu bekommen. Ich wollte es auch und er hat mir alle Bücher gekauft. Aber als ich anfangen wollte zu lernen, habe ich festgestellt, dass ich es niemals im Leben schaffen werde, da ich in der Schule ohnehin nicht gut war. Ab diesem Moment habe ich begriffen, dass aus mir nichts werden kann… ich habe mich aufgegeben…mit 16 Jahren!

Dann kam das größte Geschenk von Gott, als meine beiden Onkel unseren Familien geholfen haben, nach Deutschland zu kommen. Die ersten Tage hier waren sehr ungewöhnlich und gleichzeitig die schönsten! Es gibt keine Schießereien, keine Bomben, die alle paar Minuten fallen. Es war sehr ruhig, friedlich und grün. Die Menschen sind freundlich und man wird nicht wie Tiere behandelt, wobei hier auch die meisten Tiere gut behandelt werden.

Ich habe die Möglichkeit bekommen, ein neues Leben anzufangen, die Sprache zu lernen und einen Schulabschluss anzustreben, was ich mit Hilfe sehr engagierter Menschen auch geschafft habe. Danach war mein Ziel, Kameramann zu werden, doch das hat nicht wirklich funktioniert…

Vielleicht musste ich etwas älter werden, um mehr meine Stärken zu erkennen und gleichzeitig den Berufsmarkt zu sehen. Dann habe ich meinen Traumberuf entdeckt – Programmierer! Das war sehr naheliegend, denn ich hatte meinen ersten PC bereits mit 9 Jahren. Ich mag es sehr, am Computer zu arbeiten und ich begeistere mich generell sehr für Technik.

Also habe ich erst den C1-Sprachkurs besucht und ihn erfolgreich absolviert. Mit dem Zertifikat habe ich mich für eine Ausbildung als Software-/Anwendungsentwickler beworben und eine Stelle bekommen. Nun befinde ich mich in der Ausbildung und bin froh, diese Entscheidung getroffen zu haben, denn dieser Beruf ist sehr interessant und gefragt.

Aus einer Zeit, in der ich in jeder Hinsicht unsicher war, entstand dieses Gedicht:

Farben bestimmen das Leben

Rosa kam ich auf die Welt.

So blieb das nicht lange. Denn Schwarz

brachte Unglück.

Und dann besetzten Grau und Braun das

Dasein.

So blieb es lange.

Und dann kam Weiß durch die Gitter,

löste sich auf und neutralisierte das böse

Dunkle und bereitete einen neuen Boden,

um ein Leben aufzubauen. Nach einer

Weile kam das besondere Hellblau, tötet

mein altes und schlimmes Leben, gibt mir

die Ruhe,

um denken zu können.

Wo bin ich,

wie baue ich meine Zukunft. Und es hat

mir das Violett gegeben wie ich meine Ziele

erreiche und ich kämpfe dafür.

Irgendwann vor Jahren, auf einer Fahrt von Dresden nach Berlin, habe ich es Alexandra vorgelesen, sie erinnerte mich jetzt daran. Ich merke meine Veränderung, es geht mir gut!

Durch meine Grundeinstellung: selbstständig, geduldig, optimistisch, die sich nach all den Hindernissen wieder gezeigt hat, kann ich in eine ideenreiche Zukunft sehen.

Lui

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