Komm doch zum Tee: Viel Krieg – viel Liebe

Idlib ist die Hauptstadt der Provinz Idlib (Idleb). Sie liegt nahe der Stadt Aleppo, die mit Universitäten und Kultur berühmter ist.

Die grünen Hügel in dieser Gegend strahlen Ruhe aus. Ebenso sind die vielen Olivenbäume ein Markenzeichen. Der Eigenanbau der dort lebenden Familien ist die wirtschaftliche Grundlage dieser Provinz. Die Oliven sind von besonderem Geschmack, es gibt dort die meisten Ölmühlen und Ölpressen.

Ich bin Ali, 1994 dort geboren und zufrieden aufgewachsen. Meine Eltern und Geschwister waren wie überall die wichtigste Gemeinschaft. Der Besuch der Oberschule und die Freude am Sport gaben mir neben den Interessen auch meine Freunde. Der Fußball in Idlib ist bekannt, das Ringen, als alte Tradition, war meine besondere Freude – ich fühlte mich frei – meine Jugend hatte einen guten Start!

Meine Arbeit in einem Büro in Idlib sicherte meinen Lebensunterhalt.

Ich lernte Zeinab kennen, ein 2006 geflüchtetes Mädchen aus Libanon, die durch die dortigen Unruhen zu ihrem Opa nach Idlib kam. Wir waren aufgeregt, wenn wir uns sahen, sorgenvoll, wenn wir uns nicht sahen – wir hatten Pläne, wir wollten heiraten. dann wurde alles anders …

Der Krieg erfasste seit einiger Zeit das ganze Land. Mit der Zerstörung von Aleppo (Krankenhäuser usw.) und der Umgebung (Kornfelder, Brotfabriken) war auch Idlib mitten in den Kampfhandlungen. Jeder hat versucht, sich zu schützen, ohne Vorbereitung, ohne Waffen. Ein völliges Durcheinander führte zu Zorn und Angst.

Zu jung, alle Risiken schnell zu erkennen, da passierte das Unglück: ich wurde angeschossen, mein Rücken war verletzt … keine Behandlung – Rollstuhl!

Zeinab und ich konnten uns sehen, unsere Verbindung wurde immer stärker. Trotz der Verletzung wollten wir heiraten, die Hoffnung auf Gesundheit und Frieden war stärker …

Unsere Heirat 2014 war ohne Einverständnis des Vaters, was zu Schwierigkeiten führte. Irgendwie verstehe ich das, aber unsere Liebe war doch so stark!

In dieser Zeit kam das zweite schreckliche Unglück in unsere Familie: Mein Vater und mein Bruder wurden im Krieg getötet, alles war zerbrochen, nur Leid, nur Trauer, keine Kraft, keine Hoffnung …

Nun konnte ich als großer Sohn die Familie nicht leiten und unterstützen. Nicht nur die Verantwortung drückte mich, auch mein Körper war unfähig, etwas zu leisten, ich konnte einfach nicht mehr denken …

Meine arme Mutter wusste nicht mehr, wie sie überleben sollte; Essen und Medizin waren fast nicht zu haben… Sie machte aus Sorge, auch um mich, einen Plan: Geh mit Freunden nach Europa, nach Deutschland, nimm deinen kleinen Bruder mit…sonst wirst du hier bald sterben!

In aller Eile gingen meine Freunde mit mir im Rollstuhl los …

Abschied von Mutter, Restfamilie und von meiner lieben Zeinab – alles schnell... der Weg bis Berlin war wie bei den meisten Syrern: Laufen, Bus, Kälte, Dreck, dazu diese grausamen Schmerzen … Wenn ich zurückdenke, fühle ich alles bis in meine Träume... ich bin noch so jung, welche Hoffnung ist denn möglich?

Meine Freunde haben viel geleistet: Ihre Nähe, Fürsorge und Einsatz brachten uns durch alle Stationen von Idlib bis Berlin – Ankunft Ende 2015.

Völlig entkräftet wurde ich gleich im Krankenhaus behandelt. Meine Freunde blieben irgendwo in Berlin, ohne Ahnung einer Zukunft...

Die nächste Zeit wurde ich lange im Krankenhaus behandelt: OP’s, Querschnittslähmung blieb ab Becken mit allen Schwierigkeiten, die man sich besser nicht vorstellt! Ich musste stabilisiert werden, konnte nichts allein, war allein, Depressionen waren die einzigen Begleiter, ich lebte nur in Angst, ich war 21 Jahre alt!

Meine Freunde lebten in Unterkünften, mein Bruder lebte mit anderen Jugendlichen in einer Einrichtung, sie besuchten mich, einige waren auch verletzt und ich lernte andere Verletzte kennen. Mein Zustand brauchte Hilfe, ich musste viel lernen, um mich eigenständig zu pflegen, zu bewegen, Kontakte zu halten.

Es gab viele ehrenamtliche Helfer neben den Behörden. Sie kannten die Regeln der Bürokratie, gingen zu Geflüchteten mit unterschiedlichen Hilfen und fanden damit für uns Möglichkeiten zum Einstieg ins Leben hier. Für mich war auch die ärztliche Versorgung wichtig, aber auch eine Wohnmöglichkeit und Deutschlernen, drei große Aufgaben.

Nacheinander konnte ich mich über Erfolge freuen. Ende 2017 bekam ich mit einem Freund eine behindertengerechte Wohnung im Süden Berlins. Die U-Bahn mit Fahrstuhl machte den Schulbesuch möglich, leider war dieser öfter kaputt. Dann musste ich zwei Stationen bis zum nächsten Fahrstuhl mit meinem Rolli und Händen fahren – bei Wind und Regen …

Langsam fand ich Zutrauen zu meiner Situation. Durch Kontakte lernte ich Ehrenamtliche der ufaFabrik/NUSZ kennen, der Kreis für Deutsch und andere Hilfen wurde größer.

Ein glücklicher Moment war, als ich Manfred und Freya, ein deutsches älteres Paar kennenlernte. Sie gaben mir ihre Zeit, ihre uneingeschränkte Hilfe und besonders ihre ehrliche Zuwendung. Manfred ging sogar mit mir ins Schwimmbad, beide haben mich zum Essen in ihr Zuhause eingeladen, auch ins Kino und mit dem Auto in die Natur. Ich fühlte mich geborgen – Manfred wurde mein Vater-Ersatz. Die vielen Zeiten mit ihm stärkten mich, ich begann neu zu denken …

Während ich viel Deutsch lernte, auch schon B2 erreichte und sogar ein Praktikum mit dem Ziel, in einer deutschen Verwaltung zu arbeiten, schaffte, kam im März 2018 das unfassbare Unglück: Manfred verstarb nach kurzer Krankheit – Leere, Finsternis, Trauer, Depressionen …

Nichts war mehr wie vorher …

Mein Bruder war regelmäßig bei mir, meine Freunde kamen, wir saßen zusammen und trösteten uns gegenseitig. Sie besorgten ein großes Sofa, auf dem wir alle sitzen konnten …

Irgendwie war mein Leben schwieriger, ungeordnet, zu viele Probleme.

Ich weiß nicht, wie oft ich noch mal anfangen kann, aber die deutsche Sprache werde ich mit Kursen weiter lernen, es wird mir dann gelingen, eine passende Arbeit mit deutschen Kollegen zu finden. Viele sagen, ich spreche schon gut, deutlich und mit reichlichem Wortschatz, also Hoffnung auf mehr!!!

Ali

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