Komm doch zum Tee: Das erste deutsche Lied „Schulbus“

Anfang des Jahres 2015 traf ich im Flüchtlingsheim in Lichtenberg die kurdische Familie, Ghassan (Zahnarzt) und seine Frau Nessrin (Zahntechnikerin) mit ihren Söhnen Aras (6 Jahre) und Renas (3 Jahre). Ich kannte sie erst seit wenigen Monaten über das Mentorenprojekt „Ärzte helfen Ärzten“ im BBZ in der Turmstraße.

Es war mein erster Besuch in einem Flüchtlingsheim, und ich hatte ein mulmiges Gefühl, als ich beim Pförtner meinen Ausweis abgeben musste. Viele der Geflüchteten standen im Eingangsbereich herum, schienen sich zu langweilen oder aber auch auf Besuch zu warten.

Ghassan und Aras holten mich ab, zeigten ihre Freude über mein Kommen und brachten mich zu ihrer dortigen Wohneinheit, die ich auf Anhieb sympathisch fand: zwei Räume, sehr funktional und schlicht eingerichtet, ein kleiner Flur mit kleiner Küche und kleinem Bad. Kein Lärm von anderen Wohneinheiten. Ich war positiv überrascht.

Nessrin und Renas warteten und es war eine herzliche Begrüßung, noch ohne viele Worte. Eingeladen war auch Shiar, ein junger kurdischer Arzt, der aus der gleichen Stadt wie Ghassan kam; die beiden hatten sich aber erst im Deutschkurs in Berlin kennengelernt. Als Shiar kurze Zeit später eintraf, wurde die Unterhaltung lebendiger. Er konnte schon recht gut deutsch, hörte oft im Radio den Kindersender „Teddy“, balgte mit den Kindern rum, die begeistert waren. Shiar war trotz eigener schwieriger Umstände immer gut gelaunt. Er bezog Nessrin in das Gespräch ein, die gerade erst den Deutschunterricht begonnen hatte, versuchte für sie und für mich zu übersetzen.

Aras erzählte mir ein wenig von der Schule und so kam es, dass er uns sein erstes deutsches Lied vorlas und wohl auf Ghassans und Shiars Einwirken vorsichtig vorsang: „Schulbus“. Ein Lied mit Refrain:

Schulbus, Schulbus,

Jeden Morgen treff‘ ich dich,

Schulbus, Schulbus,

und manchmal wart‘ ich lang auf dich,

Schulbus, Schulbus.

Und ist die Schule aus,

dann steig‘ ich ein und freu‘ mich schon

auf meine Fahrt nach Haus‘,

dann steig‘ ich ein und freu‘ mich schon

auf meine Fahrt nach Haus‘.

(Dieses Lied von Rolf Zuckowski – auf You Tube zu hören – hat mehrere Strophen mit obigem Refrain.)

Wir sangen gemeinsam – angeleitet von Shiar – mit Freude und Lachen den Refrain und es entstand über das gemeinsame Singen eine lockere, fast unbeschwerte Stimmung, die den ganzen Nachmittag Bestand hatte. Wir waren näher zusammengerückt und versuchten uns zu unterhalten so gut es eben ging. Der Kaffee mit Kardamom wärmte zusätzlich auf. Als ich am späten Nachmittag nach Hause ging und wieder meinen Ausweis in Empfang nahm, war es ein besseres Gefühl.

Als wir jetzt, ca. vier Jahre später darüber sprachen, erinnerten sich Ghassan und Nessrin sofort an diese Situation. Ghassan wusste auch den Titel dieses Liedes und fand das Lied auf You Tube. Ich selbst hatte immer unter „Omnibus“ nachgeschaut und vergebens gesucht.

Aras erinnerte sich nicht mehr an diese Situation, er ist inzwischen schon auf dem Gymnasium. Sein Bruder Renas besucht die Grundschule, beide sind sehr gute Schüler.

Ghassan und Nessrin arbeiten wieder und haben eine schöne Wohnung in Lichtenberg bezogen, wo wir uns auch heute gerne treffen, jetzt als Freunde, die sich austauschen. Shiar lebt mit seiner Frau in Fürth, wo er als Arzt arbeitet. Als ich ihm den Text schickte, schrieb er: „Viele schöne Erinnerungen…“ und es klang etwas wehmütig.

Im Sommer 2019 aus der Erinnerung aufgeschrieben von Dr. Gisela Betzner, Nessrin, Ghassan, Aras, Renas, Shiar.

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