Komm doch zum Tee: Zeit für und mit Geflüchteten

Über einen Artikel im Deutschen Ärzteblatt (Ärzte helfen Ärzten, syrischen geflüchteten) bin ich zu der Gruppe gestoßen, die sich inzwischen Deutsch- Syrisches Forum) nennt. Eine deutsch-syrische Vereinigung von und für Zahnärzte, Apotheker und Ärzte, die zum größten Teil aus Syrien stammen, aber auch aus weiteren Ländern wie Ägypten, Iran, Libanon u.a., denen wir helfen wollen, sich bei uns heimisch zu fühlen und ihren gewünschten beruflichen Weg zu nehmen.

Sinn dieser Gruppe war und ist es auch immer noch, den aus den Krisengebieten geflohenen Kollegen in eine freundschaftliche Atmosphäre der für sie völlig unbekannten Gesellschaft, anders gestaltet als die ihrige, mit offenen Armen aufzunehmen und willkommen zu heißen. So waren die ersten Kontakte auch bestimmt durch Zusammentreffen, nicht nur das monatliche im BBZ in der Turmstrasse 72, sondern eben gerade private Treffen in einem kleinen Restaurant oder Bistro, um bei Kaffee oder Humusgenuss eine freundschaftliche Aufnahme rüber zu bringen. Die Menschen, die ja zum größten Teil auf abenteuerliche Weise die Flucht aus ihrem Heimatland geschafft hatten, mussten zunächst Vertrauen entwickeln zu ihrer neuen Umgebung, zu den Menschen, die ja in völlig unterschiedlichen Kulturkreisen zu Hause waren.

Ich persönlich hatte nur zwei Mentis, da mein Engagement in einer Flüchtlingsunterkunft viel Zeit in Anspruch nahm, davon später. Der erste der beiden Mentis war ein syrischer Chirurg, der nicht als Flüchtling gekommen war, sondern als Tourist eingereist, auch nicht in einem Flüchtlingslager seine erste Zeit verbringen musste, worüber er sehr glücklich war. Durch eine Reihe von Jahren hatte er in verschiedenen arabischen Ländern gearbeitet, ist dort Facharzt für Chirurgie geworden und hat Geld gespart, um seine weitere Karriere in Deutschland zu verfolgen. Ein zielstrebiger, äußerts höflicher und unprätentiöser Mann. Wir haben häufig in einem kleinen Café in der Sonnenallee gesessen und auch Falafel oder Humus gegessen. Er hatte kurz bevor sein Touristenvisum ablief, eine Aufenthaltsgenehmigung gleichzeitig mit der Approbation bekommen. Schon seit einigen Jahren ist er in Brandenburg als Chirurg in fester Anstellung. Einmal kam er extra, um mich zu besuchen, nach Berlin und lud mich zu einem Humusessen in der Sonnenallee ein. Es war ein kalter, regnerischer Samstag. Ich hatte wie immer meinen lieben Hund, Filou, dabei. Aber in das „beste Humusrestaurant“ vor Ort -und es musste das beste sein- durfte man keine Hunde mitnehmen. Also hat der Kellner uns den Sonnenschutz (nun als Regenschutz) ausgezogen und darunter zwei Stühle vor ein Tischchen gestellt. So haben wir zwar ein wenig feucht-kalt gesessen, aber ein vorzüglicher Humus, bzw. mehrere Sorten davon genossen und uns gut unterhalten. Ich wünsche ihm nur, dass er seinen Weg weiter so erfolgreich gehen kann wie bisher.

Meinen Hund, einen Labrador, konnte ich wegen einer Epilepsie, die sich vor einigen Jahren manifestiert hatte und eben des Risikos wegen der immer mal wieder auftretenden Grand-Mal-Anfälle nicht alleine zu Hause lassen. Er hat mich immer zu unseren Treffen begleitet, war von allen Kollegen gut akzeptiert, blieb allerdings auch mucksmäuschenstill auf seinem, im Maul herbeigetragenen, kleinen Teppich liegen, bis unsere Sitzung beendet war. Er war so etwas wie unser Maskottchen geworden. Leider ist er Anfang Dezember im Alter von mehr als 13 Jahren gestorben.

Ein anderer Kollege, der als Flüchtling aus Syrien zu uns kam, hatte einige Zeit in einem der Türkei nahen Lager als Arzt gearbeitet. Er hatte viel Belastendes erlebt, das ich hier nicht alles aufzählen möchte außer einer Situation, die ihn schwer belastet hatte: Angekommen in Berlin hatte er zunächst in einer Unterkunft gewohnt, die in der Einflugschneise zum Flughafen Tegel lag. Und wenn er abends zur Winterzeit, also bei früh einsetzender Dunkelheit, auch früh zu Bett gegangen war und eingeschlafen war, dann schreckte er aufgrund horrenden Lärms regelmäßig hoch im Glauben, ein erneuter Luftangriff fände statt-in seiner Heimat natürlich. Aber es war nur der regelrechte Luftverkehr über Tegel. Er hatte mir vor einiger Zeit davon berichtet, und auch, wie lange er gebraucht hatte, diese Albträume zu verarbeiten. Schlaflose Nächte, Ängste und stete Sorge um die in Syrien verbliebenen Familienmitglieder.

Über einen der Initiatoren der Organisation bin ich auf die Vereinigung „Medizin-hilft-Flüchtlingen“ gestoßen und habe als verantwortliche Ärztin von Beginn November 2015 bis Mitte Januar 2017 eine Notunterkunft für Flüchtlinge in Berlin-Lankwitz betreut. Die Sporthalle-Kiriak-Bialik war quasi über Nacht in eine provisorische Flüchtlingsunterkunft verwandelt worden. 200 Menschen waren dort auf niedrigstem Niveau untergebracht. Syrer, Afghanen und einige kurdisch sprechende Menschen teilten sich die in 3 Kompartimente aufgeteilte Halle. Viele Familien mit Kleinkindern und alleinstehende Männer wurden von uns betreut.

Es war November und das Wetter feucht-kalt. Die Menschen kamen nach sehr anstrengenden Tagen endlich an, hatten ein Bett, bekamen zu essen und wurden medizinisch versorgt. Das Sozialteam bestand aus äußerst engagierten Menschen. Nur so konnte das System auch befriedigend durchgeführt werden. Anfänglich haben wir 3mal /Woche Sprechstunde gemacht. Viele richtig Kranke waren es eigentlich nicht, aber fast alle suchten ein Gespräch mit uns, angegeben wurden meist Kopfschmerzen, Husten und Schlaflosigkeit. Natürlich waren auch chronisch Kranke dabei, Diabetiker, die ordentlich versorgt werden mussten. Die Belastungstraumata kristallisierten sich im Laufe von Wochen erst heraus. Es war eine große Zahl von Menschen mit behandlungsbedürftigen seelischen Traumata darunter.

In einer Ecke unseres kleinen Sprechzimmers lag mein Hund-Filou- brav auf seiner Decke und wurde bald zum Liebling insbesondere der Kinder. Nie hatte einer der Patienten sich gegen die Anwesenheit des Hundes ausgesprochen, die Kinder ließen mich zum Schluss gar nicht mehr nach Hause fahren, ohne nicht ein Foto von ihnen und dem Hund gemacht zu haben. Ich denke, Filou hat wirklich dazu beigetragen, die Vertrautheit zu installieren.

Keiner der meist muselmanischen Menschen hat mir je die ausgestreckte Hand verweigert, keiner der männlichen Patienten wollte sich einer Untersuchung durch mich als Frau verweigern. Diese Menschen waren alle froh und dankbar, dass sich jemand um sie kümmerte. Natürlich gab es erhebliche Schwierigkeiten mit der sprachlichen Verständigung, insbesondere am Anfang. Aber im Laufe der Zeit haben wir alle gelernt, uns über dolmetschendes Wachpersonal oder fremdsprachige Personen aus dem Sozialbereich zu verständigen. Und viel lief auch über die Gestik.

Auf alle Einzelheiten möchte ich hier nicht eingehen, nur ein paar Eindrücke, die sich bei mir ins Gedächtnis eingegraben haben, will ich kurz erwähnen.

Wir hatten gleich zu Anfang mit einer alleinstehenden Frau mittleren Alters zu tun, die allgemeine Beschwerden und Schlaflosigkeit über Wochen angab. Sie kam regelmäßig zu uns, sah unterernährt und total erschöpft aus. Eines Tages konnten wir von ihr dann erfahren, dass man sie in ihrem Heimatland auf einem Stuhl festgebunden hatte und unter ihren Blicken die männlichen Familienmitglieder ermordet hatte. Nach langen Wochen kam dann endlich einmal ein Lächeln über ihr Gesicht- das sind Augenblicke des Glücks für uns, wir hatten ihr ein wenig Vertrauen und Zuversicht vermitteln können.

Viele Flüchtlinge hatten den Weg über das Meer gewagt und bedurften psychologischer Betreuung. Ein kleines Mädchen, das mit seiner Mutter in einem Schlauchboot das Mittelmeer überquert hatte, musste intensiv betreut werden. Das Schlauchboot war gekentert, und das Mädchen konnte nur in letzter Minute vor dem Ertrinken gerettet werden. Auf diese kleine Familie bin ich im Rahmen unserer Informationsveranstaltungen gestoßen, die wir regelmäßig in weiteren Flüchtlingsunterkünften vornahmen, um den Menschen dort die Wege zum Sozialsystem und die Möglichkeiten einer gesundheitlichen Versorgung zu erklären. Die Mutter bat mich, ihrem Töchterchen zu helfen. Vorher hatte sie noch niemanden in der dortigen Unterkunft um Rat gebeten. Das Nötige wurde veranlasst. Ich hoffe sehr, dass dieser junge Mensch eines Tages unbeschwert von seinen Fluchterlebnissen sein Leben wird meistern können.

Die Flüchtlingsunterkunft, die ich von November 2015 bis zum Freizug der Sporthalle Ende Januar 2017 als verantwortliche Ärztin betreut hatte, war natürlich nicht das Erträumte dieser Menschen, die sich auf einen unsicheren und peinsamen Weg gemacht hatten, ihr Hab und Gut entweder verloren oder kriminellen Schleppern überlassen mussten, damit sie überhaupt sich in diese Ungewissheit begeben konnten. Zum Teil hatte man ihnen im wahrsten Sinne des Wortes das Paradies auf Erden hier in Deutschland versprochen.

Für so manchen muss es eine fürchterlich bittere Erkenntnis gewesen sein, dass auch hier in Deutschland kein paradiesischer Zustand herrscht. Aber fast ausnahmslos alle Menschen, die mir in dieser Notunterkunft begegnet sind, waren dankbar, freundlich aufgenommen worden zu sein und die nötige Versorgung zu erhalten.

Ende November 2015, es war ein regnerischer, kalter Freitag, Spätnachmittag, wir wollten nach Beendigung unserer Sprechstunde gerade schließen und nach Hause gehen, da hieß es, eine Gruppe von Neuankömmlingen ist im Anzug, bitte bleibt noch hier, falls jemand von ihnen ärztliche Versorgung benötigt. Und es war dann auch so: vor dem Sprechzimmer im Wartebereich, eine Art Biertisch war dort aufgestellt, wartete eine Gruppe von durchgefrorenen Menschen. Einer von ihnen, ein schmächtiger, blasser Mann kniete vor diesem Tisch, hielt sich mit beiden Händen an selbichtem fest. Er war kurz vor dem Kollaps, völlig erschöpft. Ich nahm ihn sofort ins Sprechzimmer, untersuchte ihn und stellt ein unüberhörbares Herzgeräusch fest. Nach meiner klinischen Untersuchung konnte es sich nur um einen Herzfehler handeln, der kurz vor der Dekompensation war. Noteinweisung ins Klinikum Steglitz, was auch ohne jegliche Versicherungs-oder Asylpapiere immer möglich war, dann ein kurzfristig anberaumter OP-Termin- Operation am offenen Herzen. Für Menschen im Asylverfahren gab es keine Bewilligung für eine angemessene Reha. Der Patient kam also zu uns in die Notunterkunft zurück. Hier haben wir ihn sehr ermuntern müssen, leichte körperliche und später auch sportliche Aktivitäten durchzuführen. Er hatte Mut gefasst und kam eines Nachmittags ziemlich verängstigt in unsere Sprechstunde und klagte über Schmerzen im gesamten Schultergürtelbereich. Was hatte er gemacht, er war im Schwimmbad und war 1 1⁄2 Stunden lang geschwommen, da er so ermutigt war, weil es ihm ja gut ging. Nun hatte er große Sorgen, dass die OP-Narbe aufplatzen könnte, denn so interpretierte er seine Beschwerden, auch wenn die OP-Narbe auf der vorderen Brustwand völlig unauffällig aussah. Er hatte nach einer für ihn völlig ungewohnten langen körperlichen Betätigung (1 1/2 Stunden Schwimmen) lediglich einen ausgeprägten Muskelkater. Später, nach Freizug der Sporthalle, traf ich ihn mit einem seiner Kinder beim Spaziergang auf einer Wiese. Ein strahlender Mann, der gesund, froh und dankbar war, dass wir ihm so schnell haben helfen können. Das sind sehr schöne Momente, so etwas erleben zu dürfen.

Ein Kollege, den ich oben schon erwähnt hatte, und den ich im Rahmen unserer monatlichen Treffs ( Deutsch-Syrisches Forum ) öfters im BBZ sah, fragte mich eines Tages, ob er nicht mal zur Sprechstunde in die Notunterkunft mitkommen könnte. Er würde so gerne sehen, wie das hier so läuft und sich auch gerne aktiv einbringen. H. kam dann regelmäßig zu unseren Sprechstunden. Als Arzt konnte er vortrefflich eine fachlich gute Anamnese erheben, schließlich sprach er die von den meisten Menschen dort gesprochene Sprache, arabisch. Er war uns Dolmetscher und einfühlsamer „Explorer“. Er kannte eben die Kultur und die Gewohnheiten seiner Landsleute. Vieles, das wir mit Hilfe unseres arabisch sprechenden Wachpersonals niemals erfahren hätten, kam durch ihn ans Tageslicht. So konnten wir auch vielen Menschen dort schnell eine so häufig benötigte psychologische Therapie angedeihen lassen. H. war uns ein stets gern gesehener Kollege, der mit Fachwissen und menschlichem Einfühlungsvermögen die Arbeit in der Notunterkunft erleichtert und manchmal erst möglich gemacht hat. Inzwischen ist auch er in einer festen Anstellung als Arzt.

Inzwischen hat sich das Deutsch-Syrische Forum zu einer Institution entwickelt, die den ankommenden Ärzten/ Zahnärzten und Apothekern Hilfen an die Hand gibt, die bürokratischen Hürden zu nehmen. Vor allem aber hat sich eine echte Hilfe etabliert, die jungen Kollegen auf die notwendigen Fachsprachprüfungen etc. vorzubereiten. Ich selbst hatte über einige Monate mit einer wechselnden Zahl von Kollegen Veranstaltungen in Notfallpädiatrie und allgemeiner Pädiatrie durchgeführt. Wiederum über unseren äußerst engagierten Kollegen H. war eine Verbindung zur Humboldt-Universität Berlin hergestellt worden. Wir konnten so Räume und Technik in der juristischen Fakultät für unsere Veranstaltungen nutzen. Häufig und auch auf Wunsch der Kollegen haben wir hauptsächlich das Arzt- Patientengespräch geübt. Natürlich für die Pädiatrie eben auch das Gespräch mit den Eltern der kleinen Patienten. Es waren häufig auch sehr lustige Situationen vorgekommen. Was mir immer in Erinnerung bleiben wird, war das ausgefeilte Deutsch eines pädiatrischen Kollegen. Er wusste genau, wann und wie der Konjunktiv anzuwenden war!

Man könnte noch so vieles erzählen, aber ich halte hier an und hoffe, dass deutlich werden konnte, was für ein lohnendes und erfreuliches Arbeiten mit den ausländischen Menschen es war und immer noch ist. Ich habe so viel gelernt während dieser Zeit, und ich habe so nette Menschen kennengelernt.

Hoffentlich werden sie alle ihren gewünschten Weg gehen können, und ein zufrieden stellendes Leben in dem Land ihrer Wahl nach der Flucht aus der krisengeschüttelten Heimat führen können.

Dr. Brigitte Kodsi

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