Komm doch zum Tee: Sara ohne "h"

Hier spricht Sara selbst.

Ich bin Sara „ohne h“.

Das soll ich immer sagen, wenn ich mich irgendwo in Deutschland vorstellen muss. Im Jahr 2013 haben wir als 6-köpfige Familie das zerstörte Land Syrien verlassen und sind nach Ägypten geflogen. In Ägypten sollte es uns besser gehen...Es ging uns aber doch nicht viel besser!!! In Ägypten waren Syrer nicht willkommen und wohl nur als Konkurrenten gesehen. Angriffe gab es ja auch auf Syrer. Jetzt geht die Reise mit Hilfe meines Vaters Freund Dr. Kamal Aldin, ein Neurologe, woanders hin, dieses Mal aber nach Europa... nach Deutschland!! Der Arzt, der seit der Kindheit mit meinem Vater befreundet war, wird die Reise für uns organisieren. Wir gehörten somit zu den Leuten, die Glück bei der Flucht hatten ... andere träumen von dem Flug, mussten aber leider den illegalen sehr gefährlichen und traurigen Weg gehen.

Ich bin jetzt 20 Jahre alt und bin seit 5 Jahren in Deutschland. Ich war 16 Jahre alt, als ich meine ersten Schritte beim Deutschlernen gemacht habe. Als 16-jähriges Mädchen sollte ich hier weiter mit der Schule machen. Ob ich jetzt auf einem Gymnasium sein darf oder nicht, bestimmt erstmal mein MSA! Wie? Was? Was ist das? Der Mittlere Schulabschluss, so heißt das in Berlin! Alles klar, aber ich habe sowas Ähnliches in Ägypten gemacht! Leider ist mein „ägyptischer MSA“ nicht ausreichend, um mit dem deutschen Abitur anfangen zu können. Voll die Zeitverschwendung!! Wieso wiederholen? Unfair!! Da begann die Phase, in der ich meine Reise aus Ägypten nach Deutschland bereut habe. „Du musst dankbar sein“, sagte meine Mutter, „siehst du nicht wie die Leute sowohl in Syrien als auch in Ägypten leiden“.

Nach drei Monaten Aufenthalt in Deutschland mussten wir zum ersten Mal zur Ausländerbehörde. Weil die Beamten dort aus innerem Stolz- dachte ich damals- nur auf Deutsch sprechen wollen, mussten wir immer jemanden mitnehmen, der für uns dolmetschen kann. Die Familie des Arztes hat uns dabei sehr unterstützt. Durch diese Familie habe ich auch meine ersten deutschen Kontakte kennengelernt. ufaFabrik war die Empfehlung von dem Bruder des Arztes. Dort habe ich tolle, nette, ehrliche und hilfsbereite Leute kennengelernt, die alle meine Ängste und Sorgen bezüglich der Integration und des Lebens in Deutschland weggenommen haben. Durch sie wusste ich, dass man tolerant leben kann, auch wenn Leute erhebliche Unterschiedlichkeiten zum Beispiel bei der Religion, Sprache, Herkunft und beim Aussehen besitzen. Ich habe mich mit den Leuten aus der ufaFabrik sicher gefühlt... ich hatte das Gefühl, dass ich jetzt einen starken Rückhalt hatte, den habe ich ja immer noch. Ehrenamtliche wie Alexandra, mein pensionierter Mathelehrer Lothar, Anne und die junge Frau Hanna haben mir den Anfang erheblich erleichtert. Die Mühe, die sie sich damals gegeben haben, um mich zu unterstützen, ist einfach unbezahlbar. Bei denen wunderte ich mich immer darüber, wie sie mir ehrenamtlich geholfen haben…. Welchen Antrieb haben sie denn dabei? Was veranlasst solche Leute, uns zu helfen und dabei nur an uns und unsere Ziele denken? Das habe ich noch nie erlebt…Das war für mich sehr vorbildlich und deswegen nehme ich mir jetzt so vor, dass ich mich in Zukunft für andere Leute, die meine Hilfe brauchen, ehrenamtlich einsetze.

Obwohl Alexandra sich mit dem Schulstoff nicht auskannte, saß sie mit mir stundenlang und versuchte, dass wir gemeinsam auf die richtige Lösung kommen. „Man kann immer lernen, auch beim Einkaufen“ sagte sie mir während eines Spaziergangs durch die Stadt Berlin. Am Zeugnistag waren die UFA-Leute die ersten, denen ich das Zeugnis geschickt habe. Sogar bevor ich es meinen Eltern zeigte, habe ich es denen gezeigt. Dies war ein Versuch von mir, ihnen zu danken, für alles, was sie für mich getan haben... um ihnen zu zeigen, dass sich alles gelohnt hat.... dass ihre Hilfe mir Vieles gebracht hat und dass sie letztendlich stolz auf mich und sich sein können. Ich habe zwei Abschlüsse in Deutschland mit deren Hilfe erfolgreich gemacht.... wir haben uns aneinander so gewöhnt, dass mich Hanna während meiner Vorbereitung auf die letzten Abi-Prüfungen gefragt hatte „was machen wir nach deinem Abitur, ich kann dir leider bei deinem Studiengang nicht helfen, wie bleiben wir im Kontakt?“. Natürlich habe ich an die UFA-Leute zu meinem Abiball gedacht und habe sie zur Feier eingeladen und war sehr froh, dass sie mit mir und meinen Eltern diese Freude geteilt haben.

In allen amtlichen Angelegenheiten konnte ich schon nach einem Jahr Deutschlernen Vieles selbstständig erledigen und deswegen brauchten weder meine Eltern noch ich Hilfe in den Ämtern. Nur manchmal, wenn es Komplikationen gab, wandte ich mich an andere und habe nach Hilfe gefragt. In den Behörden wunderten sich die Beamten darüber, wie relativ fließend ich Deutsch sprechen kann und wieso meine Eltern kaum Deutsch verstehen und sprechen können. Naja, die Schule hilft sehr… ich habe da meine besten Freunde kennengelernt, die mir bei der Sprache enorm geholfen haben. Mit ihnen war ich in meiner Freizeit sehr oft draußen, um Neues und Schönes und auch Gefahren kennen zu lernen. Sowohl die Schüler als auch die Lehrer in meiner Schule haben meine Situation nachvollziehen können und haben mich immer unterstützt und ermutigt. Gerne wiederholten sie mir die unklaren Sachen und ermutigten mich, so viele Fragen wie möglich zu stellen.

Es war komisch nach dem Abitur, dass man keine Beschäftigung mehr hatte und da ich nicht so genau wusste, wie es weitergehen soll, habe ich mich entschieden, ein freiwilliges soziales Jahr an der Charité zu machen und da ich mich für die Naturwissenschaften, insbesondere, das Fachgebiet Neurologie, interessiere, arbeite ich jetzt auf der neurologischen Station dort. Ich habe damit am 01.08.2019 angefangen und bin immer noch da tätig. Somit habe ich meine ersten Erfahrungen beim Arbeiten gemacht. Ich denke, die Entscheidung, ein FSJ zu machen würde ich nie im Leben bereuen…. Ich habe viele neue nette Leute kennengelernt…. Ich sammle Erfahrungen…. Ich fühle mich selbstständig…. Das lässt mich wachsen… Das macht mich sozialer…. Man versteht die Gesellschaft und die Leute, mit denen man lebt viel besser… Man fühlt sich produktiv… Man fühlt sich als ein Teil dieser Gesellschaft… Man hat einfach Freude daran, anderen Menschen zu helfen…. Man ist am Ende des Tages froh und stolz auf seine Leistungen! Und jetzt egal was sie sind… es kann zum Beispiel jemandem beim Aufstehen, beim Transport, beim Waschen, beim Aus-und Einpacken von Sachen sein. Man kann jemandem Essen reichen, der aufgrund seiner Behinderung nicht mehr in der Lage ist, seine Dinge allein zu machen. All diese Sachen, die einem vielleicht klein erscheinen, sind wertvolles Verhalten, das ich gerne tue, weil ich den tollen Leuten, die mir bei meinem Anfang geholfen haben und mir zur Seite standen, einen kleinen Teil ihrer Mühe zurückgeben möchte… auch wenn ich selber weiß, dass ich das nie schaffen würde… ich möchte mich bei euch vom ganzen Herzen bedanken.. Danke meine deutsche Familie :-)

Ich habe das Abitur mit der Hoffnung angestrebt und bewältigt , dass es mir den Weg zum Medizinstudium ermöglicht. Als Ärztin zu arbeiten, war schon immer mein Wunsch. Durch meine Arbeit im Krankenhaus öffneten sich mehr Türen für mich und ich bin auf die Idee gekommen, biomedizinische Technologie zu studieren. Für mich ist dieser Bereich die beste Alternative für das Medizinstudium, insbesondere, dass ich kein 1,0 Abitur habe, aber sehr gute Noten in naturwissenschaftlichen Fächern habe. Meine Eltern spielen auch eine wichtige Rolle bei meinem Entscheidungsprozess. Sie geben mir erfahrungsgemäß sinnvolle Ratschläge, die ich an vielen Stellen brauche, unterstützen und ermutigen mich immer dazu, das was ich möchte zu studieren. Sie motivieren mich, wenn ich verzweifelt bin, geben mir Kraft und empfehlen mir, meine Zeit in meine eigene Entwicklung zu investieren.

Hoffnung muss man nicht verlieren… Hoffnung muss man immer haben, um die Schwierigkeiten im Leben zu bewältigen…. Man muss sich selbst immer beweisen, dass man es schafft… man sagt dann „es war schwer, aber ich habe es geschafft“, viel schöner als „es ist schwer, deswegen versuche ich nicht oder gebe ich jetzt auf“… wer es wirklich tun will, dann tut er das und versucht mit allen Mitteln, es zu verwirklichen, aber wer es nicht so wirklich tun möchte, der findet tausend Ausreden, um es nicht zu tun…. Das beste Beispiel sind die Migranten/Geflüchteten aus meiner Heimat in den letzten Jahren, die trotz ihrer traurigen Geschichten und ihrer schlechten und schrecklichen Erlebnisse und Erinnerungen aus Syrien, sich hier in Deutschland wieder fanden und von Null angefangen haben. Seit einiger Zeit staune ich selbst, wie viele von ihnen, auch in meiner Familie, inzwischen Deutsch sprechen, arbeiten gehen und neue Berufe fanden. Meine Anerkennung gilt auch den vielen syrischen Ärzten, Zahnärzten und Apothekern, die nach den schwierigen Prüfungen in Deutschland ihren Einsatz leisten, besonders jetzt zur Zeit des Corona-Virus im Jahr 2020.

Ich habe in Familie und Beruf Vorbilder und bin stolz auf sie - auf diese Weise begleitet mich meine Heimat … und ich kann mir hier mit neuen Menschen, Verständnis und Toleranz, aber auch mit viel Fleiß meine Träume erfüllen…

Sara

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